Isolde war Schrotthändlerin, bewegte sich in einer rauen Männerdomäne und stand plötzlich vor fast drei Millionen Euro Steuerschulden, obwohl sie sich zu Unrecht beschuldigt fühlte. In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne erzählt sie von wirtschaftlichem Druck, Steuerprüfung, Depressionen, Burnout, Zusammenbruch und dem langen Weg zurück zu sich selbst.
Auf einen Blick
- Worum geht es in der Folge? Isolde berichtet, wie sie als junge Frau in den Schrotthandel kam, dort Verantwortung übernahm und über Jahre enormem Druck ausgesetzt war.
- Was ist der zentrale Konflikt? Nach einer Steuerprüfung standen plötzlich 2.893.000 Euro Steuerschulden im Raum. Isolde fühlte sich unschuldig und kämpfte jahrelang um ihren Ruf.
- Warum ist die Geschichte relevant? Die Folge zeigt, was passieren kann, wenn ein Mensch dauerhaft funktioniert, sich selbst verliert und erst nach einem Zusammenbruch beginnt, das eigene Leben neu auszurichten.
Wer ist Isolde?
Isolde beschreibt sich zu Beginn der Folge mit einem Satz, der die ganze Tragweite ihrer Geschichte zeigt: Sie war Schrotthändlerin, hatte über Nacht plötzlich drei Millionen Euro Steuerschulden und kämpfte lange Zeit mit Depressionen.
Ursprünglich führte ihr Weg jedoch in eine andere Richtung. Nach der Schule arbeitete sie in der Fliesenbranche, später auch für die italienische Fliesenindustrie. Zusätzlich vertiefte sie sich in den Gesundheitsbereich und absolvierte eine Heilmasseurausbildung. Zu diesem Zeitpunkt war sie Anfang zwanzig.
Der Schritt in den Schrotthandel kam durch ihren Vater. Er hatte ein Unternehmen in dieser Branche und fragte Isolde, ob sie einsteigen wolle. Anfangs sollte es eher um Assistenz, Sekretariat und Unterstützung gehen. Doch weil ihr Vater gesundheitlich angeschlagen war, wuchs Isolde tiefer in das Unternehmen hinein.
Wie Isolde in den Schrotthandel kam
Aus einer zunächst unterstützenden Rolle wurde mehr Verantwortung. Gemeinsam mit dem Partner ihres Vaters führte Isolde den Schrotthandel weiter. Sie beschreibt diese Zeit als eine Welt von „höher, weiter, schneller“. Für sie war dieses Denken damals vertraut, weil sie in einer mittelständischen Unternehmerfamilie aufgewachsen war.
Es ging darum, etwas aufzubauen, Sicherheit zu schaffen und Karriere zu machen. Isolde ließ sich darauf ein, auch weil sie zeigen wollte, dass eine Frau in dieser Branche bestehen kann. Gleichzeitig merkte sie mit der Zeit, dass dieses Berufsfeld immer weniger zu ihren eigenen Werten passte.
Der Schrotthandel brachte Geld, Tempo und Erfolg. Doch der Preis war hoch. Isolde erzählt, dass sie über Strecken luxuriös lebte, aber immer stärker spürte, wie sie sich selbst verlor.
Eine junge Frau in einer Männerdomäne
Als Isolde in den Schrotthandel einstieg, war sie 23 Jahre alt. Die Branche beschreibt sie als rau, korrupt, chauvinistisch und voller Druck. Nach ihrer Erinnerung gab es damals in Österreich nur sehr wenige Frauen in diesem Berufsfeld. Sie selbst war eine davon.
Für Isolde war nicht allein die Männerdomäne das Problem. Sie sagt, dass sie über manche chauvinistischen Strukturen hinwegsehen konnte. Viel schwerer wog für sie, dass in dieser Welt Druck, Betrug und ständige Risiken zum Alltag gehörten.
Mit ihren eigenen Werten stand das immer stärker im Widerspruch. Trotzdem funktionierte sie weiter. Aus Pflichtgefühl gegenüber dem Unternehmen und ihrem kranken Vater sagte sie sich: Augen zu und durch.
Eine Branche voller Druck, Risiko und Härte
Isolde beschreibt den Alltag im Schrotthandel als dauerhaft angespannt. Bei jeder Verladung bestand ein Risiko. In Hochzeiten wurden drei bis vier LKWs am Tag verladen. Die Ware wurde unter anderem im Ausland eingekauft, etwa in Bosnien, Serbien, Kroatien und Rumänien.
Bis die LKWs wieder am Zielort ankamen, vergingen oft eineinhalb bis zwei Tage. In dieser Zeit stand Isolde unter dauernder Spannung. Denn es konnte jederzeit etwas passieren.
Sie berichtet von gestohlenen Metallmengen, finanziellen Schäden und Überfällen. In einem Fall wurde ein Fahrer nach der Beladung von mehreren Fahrzeugen gestoppt, auf einen Schrottplatz umgeleitet, festgehalten und der LKW wurde abgeladen. Der Schaden lag laut Isolde bei 120.000 Euro.
Über die Jahre kamen ihrer Einschätzung nach Schäden zwischen 250.000 und 300.000 Euro zusammen. Dazu kamen viele Gerichtsfälle, Gespräche mit Anwälten und Auseinandersetzungen mit Versicherungen. Isolde sagt, sie habe einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit verbracht, Unterlagen aufzubereiten und ihr Recht einzufordern.
Wenn wirtschaftlicher Erfolg den eigenen Körper überfordert
In besonders intensiven Zeiten machte das Unternehmen enorme Umsätze. Isolde erzählt, dass sie in einem halben Jahr 15 Millionen Euro Umsatz machten, obwohl sie nur ein Drei-Mann-Betrieb waren.
Doch dieser Erfolg bedeutete nicht Entlastung. Im Gegenteil: Isolde arbeitete zeitweise sechs Tage die Woche bis zu 18 Stunden am Tag. Pausen gab es kaum. Parallel liefen Steuerprüfungen, die in der Branche für sie fast schon zum Alltag gehörten.
Um die ständige Anspannung auszuhalten, entwickelte Isolde eigene Rituale. Während sie auf die Nachricht wartete, ob ein LKW sicher angekommen war, stand sie oft in ihrer Küche und backte Kuchen. Dort hatte sie das Gefühl, dass alles in Ordnung war. Dieses Ritual half ihr, sich zu beruhigen.
Gleichzeitig wurde sie immer härter. Sie beschreibt, dass sie funktionieren musste, weil sie sich einen Zusammenbruch nicht leisten konnte. Ihre Empathie, die eigentlich zu ihrer Persönlichkeit gehörte, fuhr sie immer weiter herunter. Sie sagt, sie habe jahrelang nicht geweint.
Der Tag, an dem plötzlich fast drei Millionen Euro Steuerschulden im Raum standen
Der 4. Juli 2006 wurde für Isolde zu einem der schlimmsten Tage ihres Lebens. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits ungefähr ein halbes Jahr mit extrem langen Arbeitstagen hinter sich und war nach eigener Beschreibung kurz vor dem Burnout.
An diesem Tag standen zwei Finanzbeamte vor ihrer Tür. Die Steuerprüfung war abgeschlossen. Einer der Beamten erklärte ihr, dass ein Steuerrückstand von 2.893.000 Euro festgestellt worden sei.
Für Isolde war das unbegreiflich. Sie beschreibt sich selbst als extrem pingelig, wenn es um Steuererklärungen und Zahlungen ging. Sie habe immer pünktlich gezahlt. Deshalb konnte sie zunächst nicht fassen, wie eine solche Summe überhaupt im Raum stehen konnte.
Sie rief sofort ihre Steuerberaterin und einen Freund an, der früher selbst hoch in der Hierarchie beim Finanzamt tätig gewesen sei. Dann bat sie um Zeitaufschub, damit die Situation geprüft werden konnte. Als die Beamten gegangen waren, brach alles über ihr zusammen.
Isolde beschreibt diesen Moment als freien Fall. Ihr habe es den Boden unter den Füßen weggezogen. Drei Millionen Euro Steuerschulden waren für sie nicht realisierbar. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch emotional.
Warum Isolde sich zu Unrecht beschuldigt fühlte
Nach Isoldes Darstellung ging es nicht darum, dass sie selbst Steuern hinterzogen hatte. Sie erzählt, dass Lieferanten von ihr Steuern hinterzogen hätten und sie dadurch in eine Haftung geraten sei. Für sie war besonders schwer, dass sie sich verantwortlich gemacht fühlte, obwohl sie sich keiner Schuld bewusst war.
Zusätzlich stand ein noch schwererer Vorwurf im Raum. Isolde berichtet, dass ihr unterstellt worden sei, sie sei der Kopf einer Gruppe gewesen, die Steuerhinterziehung begangen habe. Ihr Anwalt habe ihr zeitweise geraten, das Land nicht zu verlassen, weil sogar Untersuchungshaft im Raum gestanden habe.
Isolde begann, wie sie sagt, selbst Detektivarbeit zu leisten. Sie wollte verstehen, wie es zu diesen Vorwürfen kommen konnte. Rückblickend konnte sie nachvollziehen, dass es von außen auffällig gewirkt haben könnte: Viele der betroffenen Lieferanten kannte sie persönlich, und sie gingen auch bei ihr ein und aus.
Trotzdem blieb für sie klar: Sie hatte mit den Betrügereien nichts zu tun. Vor Gericht wurde ihr am Ende geglaubt, weil der Vorwurf nicht beweisbar war. Doch der Weg dorthin war lang, teuer und belastend.
Der jahrelange Kampf um ihren Ruf
Für Isolde ging es nicht nur um Geld. Es ging um ihren Namen, ihre Reputation und ihren Ruf als Schrotthändlerin. Sie wollte nicht hinnehmen, dass ihr etwas zugeschrieben wurde, das sie nach eigener Aussage nicht getan hatte.
Sie stellte sich ein Team zusammen: Steuerberater, Rechtsanwalt und Unternehmensberater. Diese Menschen begleiteten sie über Jahre. Gleichzeitig musste sie eine neue Firma gründen, weil die betroffene Firma handlungsunfähig geworden war.
Die ursprüngliche Firma war durch die Forderung wirtschaftlich nicht mehr zu retten. Isolde sagt klar, dass von der ersten Sekunde an feststand: Diese fast drei Millionen Euro würden nicht bezahlt werden können. Die Summe war für sie unrealistisch.
Dennoch kämpfte sie weiter. Auch weil Geld eingefroren worden war, das sie als erwirtschaftetes Geld ihrer Firma betrachtete. Über 100.000 Euro habe sie allein in Anwaltskosten gesteckt, weil sie den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen wollte.
Der gesamte Prozess rund um die betroffene Firma zog sich von 2006 bis 2014. Die neue Firma, die Isolde 2006 gründete, endete 2009 im Zuge der Wirtschaftskrise. Für Isolde kam damit die nächste schwere Erschütterung.
Arbeiten trotz Depressionen, Schlafmitteln und Zusammenbruch
Während dieser Jahre funktionierte Isolde weiter. Nach außen fehlte sie keinen Tag in der Arbeit. Innerlich war sie längst am Limit.
Sie spricht offen darüber, wie sie damals weitergemacht hat: mit Antidepressiva, Schlafmitteln, Alkohol und Kiffen. Es ging nicht um ein gesundes Leben, sondern ums Durchhalten. Morgens war sie wieder da und spielte die Rolle, die sie sich angeeignet hatte.
2009 war der Punkt erreicht, an dem sie nach eigener Aussage extreme, schlimme Depressionen hatte. Kurz bevor sie Insolvenz anmeldete, kam sie an einen Punkt, an dem sie sagte: So kann und will sie nicht mehr leben.
Isolde beschreibt auch, dass sie damals suizidal war. Gleichzeitig gab es einen Moment der Entscheidung. Sie hatte das Gefühl, zwei Möglichkeiten zu haben: Entweder sie bleibt in diesem Leben und überlebt es nicht, oder sie beginnt ein neues Leben.
Sie entschied sich für das neue Leben.
Wie Isolde aus dem alten Leben ausgestiegen ist
Nach dieser Entscheidung brachte Isolde das Konkursverfahren zu Ende. Sie brach ihre alten Zelte ab und begann, sich ein eigenes, authentisches Leben aufzubauen.
Der erste Schritt führte sie zurück in die Fliesenbranche. Dort hatte sie ursprünglich begonnen, dort kannte sie sich aus, und dort fand sie etwas, das sie als Erholung beschreibt.
Die Branche fühlte sich für sie schön an. Es ging um Materialien, Gestaltung, Kreativität und Kunst. Dazu kamen geregeltes Einkommen, Urlaub und ein überschaubarer Arbeitszeitrahmen. Selbst 50 Stunden pro Woche wirkten für sie im Vergleich zu früher fast erholsam.
Gleichzeitig wusste Isolde, dass sie die Jahre im Schrotthandel nicht einfach abschütteln konnte. Von 2003 bis 2009 sei eine dramatische Situation nach der anderen passiert. Das aufzuarbeiten, brauchte Zeit.
Der Weg zurück zu sich selbst
Isolde holte sich Unterstützung. Sie war in Therapie, arbeitete an sich selbst und wurde von ihrer besten Freundin Sonja begleitet, die sie als Seelenschwester beschreibt. Sonja war schon in den schwierigen Phasen an ihrer Seite und unterstützte sie auch während der Depressionen.
Isolde begann mit Bewusstseinsarbeit. Für sie bedeutete das: hinschauen, Schmerz noch einmal durchfühlen, transformieren und Schritt für Schritt Frieden mit diesem Kapitel schließen.
Auch das Schreiben wurde Teil dieses Prozesses. Was als eine Art Briefritual hätte beginnen können, wurde bei ihr ein Buch. Drei Jahre schrieb sie daran. Nicht, weil es nur um das Schreiben ging, sondern weil sie beim Schreiben auch emotional und körperlich das Erlebte bearbeitete.
Nach und nach entwickelte sie sich wieder zu sich selbst zurück. Sie wollte ein Leben führen, das zu ihren Fähigkeiten, Talenten, Interessen und Werten passt. Nicht ein Leben, das andere erwarten. Nicht ein Leben, das nur auf Funktionieren ausgerichtet ist.
Warum Isolde heute Menschen in Krisen begleitet
Heute arbeitet Isolde als Bewusstseinstrainerin. Sie begleitet Menschen, die im Burnout sind, Depressionen haben oder präventiv daran arbeiten wollen, nicht in ein falsches Lebensumfeld zu geraten.
Außerdem begleitet sie Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich selbstständig machen wollen oder bereits selbstständig sind und nach einer authentischen Form der Selbstständigkeit suchen.
Isolde spricht in der Folge von einem eigenen „Werkzeugkoffer“, den jeder Mensch mitbekomme: Fähigkeiten, Talente und Interessen. Aus ihrer Sicht entsteht ein gesundes und authentisches Leben dann, wenn Menschen auf diesen eigenen Werkzeugkoffer zugreifen.
Für sie ist ihre heutige Arbeit eng mit ihrer eigenen Geschichte verbunden. Wenn Menschen an einem Tiefpunkt zu ihr kommen, empfindet sie nicht Mitleid, sondern Verständnis. Sie weiß, wie sich dieser Schmerz anfühlen kann. Gleichzeitig sieht sie den Moment als Anfang eines neuen Weges.
Warum diese Folge so wichtig ist
Die Folge mit Isolde ist wichtig, weil sie nicht nur von einem außergewöhnlichen wirtschaftlichen Fall erzählt. Sie zeigt auch, wie lange ein Mensch funktionieren kann, obwohl innerlich schon nichts mehr in Ordnung ist.
Isoldes Geschichte handelt von Verantwortung, Druck, Rufschädigung, wirtschaftlichem Risiko und dem Kampf um Gerechtigkeit. Sie handelt aber auch von der Frage, wie weit man sich von sich selbst entfernen kann, wenn man glaubt, etwas beweisen zu müssen.
Gerade deshalb bleibt diese Folge nicht bei der Krise stehen. Sie zeigt auch den Weg danach: den Ausstieg, die Rückkehr in ein ruhigeres Arbeitsumfeld, die Aufarbeitung, das Schreiben, die Unterstützung durch andere Menschen und den Aufbau eines neuen Lebens.
Isolde spricht nicht beschönigend über diese Zeit. Sie erzählt klar, direkt und mit großer Offenheit. Genau dadurch entsteht eine Folge, die berührt, ohne sensationsheischend zu sein.
Die Podcastfolge mit Isolde ansehen oder anhören
Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Isolde kannst du hier ansehen oder anhören:
- Isoldes Geschichte auf YouTube ansehen
- Isoldes Geschichte auf Spotify anhören
- Isoldes Geschichte bei Apple Podcasts anhören
Fazit: Isoldes Geschichte zeigt, was bleibt, wenn das alte Leben zusammenbricht
Isoldes Weg führt von einer jungen Unternehmerin im Schrotthandel über eine jahrelange Auseinandersetzung mit fast drei Millionen Euro Steuerschulden bis hin zu einem kompletten Neuanfang. Sie war Schrotthändlerin in einer Männerdomäne, arbeitete unter enormem Druck, kämpfte um ihren Ruf und geriet dabei immer tiefer in Depressionen und Burnout.
Doch ihre Geschichte endet nicht mit dem Zusammenbruch. Sie erzählt auch davon, wie ein Mensch nach einer existenziellen Krise wieder zu sich selbst finden kann. Isolde hat ihr altes Leben hinter sich gelassen, sich Unterstützung geholt, ihre Erfahrungen verarbeitet und begleitet heute andere Menschen auf ihrem Weg aus Krisen heraus.
Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist eine ehrliche und respektvolle Begegnung mit einer Frau, die viel verloren hat, aber sich selbst Schritt für Schritt wiedergefunden hat.
