Nina: Gewalt während der Geburt – ihr Trauma im Wochenbett

Nina erlebte während der Geburt ihres ersten Kindes Gewalt. Was als schöne, komplikationslose Schwangerschaft begann, wurde im Kreißsaal zu einer traumatischen Erfahrung aus Schmerzen, fehlender Kommunikation, Nicht-ernst-genommen-Werden und einem Kaiserschnitt, der aus Ninas Sicht viel früher hätte Thema sein müssen.

In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne spricht Nina über geburtshilfliche Gewalt, Trauma im Wochenbett, die Belastung für ihre Beziehung, fehlende Unterstützung im Krankenhaus und darüber, warum mehr Menschen über Gewalt während der Geburt sprechen müssen.

Hinweis: In diesem Artikel geht es um Geburtstrauma, Gewalt während der Geburt, starke Schmerzen, Kaiserschnitt, Wochenbett, medizinische Überforderung, institutionelle Gewalt und psychische Belastung nach der Geburt. Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Themen sicher fühlst.

Auf einen Blick

  • Worum geht es in der Folge? Nina erzählt, wie sie während der Geburt ihres ersten Kindes im Krankenhaus Gewalt und massive Hilflosigkeit erlebt hat.
  • Was ist der zentrale Konflikt? Nina hatte starke Schmerzen, äußerte mehrfach, dass etwas nicht stimmt, wurde aber nicht ernst genommen.
  • Warum ist die Geschichte relevant? Die Folge zeigt, wie tief geburtshilfliche Gewalt wirken kann – auf die gebärende Person, das Kind, die Beziehung und das Wochenbett.

Wer ist Nina?

Nina stellt sich in der Folge mit einem Satz vor, der das gesamte Gespräch prägt: Sie hat während der Geburt ihres ersten Kindes Gewalt erlebt.

Ihre Geschichte beginnt nicht mit Angst, sondern mit Vorfreude. Die Schwangerschaft war schön und aus ihrer Sicht komplikationslos. Es war 2018, ein sehr heißer Sommer, und Nina bereitete sich gemeinsam mit ihrem Partner darauf vor, Eltern zu werden.

Sie war 31 Jahre alt und zum ersten Mal schwanger. Sie hatte Respekt vor der Geburt, aber keine große Angst. Im Gegenteil: Sie war gespannt darauf, wie sich Wehen anfühlen würden, und stellte sich die Geburt wie eine Art Marathon vor – eine Grenzerfahrung, aber eine, auf die sie sich innerlich einlassen wollte.

Eine Schwangerschaft voller Vorfreude

Nina beschreibt die Schwangerschaft als eine besondere körperliche und emotionale Erfahrung. Zu spüren, wie im eigenen Körper ein Kind heranwächst und sich bewegt, empfand sie als faszinierend und zugleich fast unwirklich.

Sie informierte sich, besuchte mit ihrem Partner einen Geburtsvorbereitungskurs und schaute sich Kreißsäle an. Dabei entschied sie sich für ein Krankenhaus, weil sie es damals als sicheren Ort wahrnahm.

Eine Freundin fragte sie, ob sie auch über eine außerklinische Geburt nachgedacht habe. Nina verstand die Frage damals kaum, weil Krankenhaus für sie automatisch Sicherheit bedeutete. Hauptsache, ihr Partner wäre dabei – alles andere schien ihr nicht so wichtig.

Die Entscheidung für das Krankenhaus

Nina besichtigte zwei Krankenhäuser. Rückblickend beschreibt sie diese Kreißsaalführungen als eine Art Werbeveranstaltung. Es wurde erklärt, was angeboten wird, wie Räume aussehen und welche Abläufe vorgesehen sind.

Nina achtete damals vor allem auf den Raum. Als Gestalterin spielte die Atmosphäre für sie eine Rolle. Sie wollte wissen, ob sie sich vorstellen konnte, dort zu gebären.

Auch über Kaiserschnittraten wurde gesprochen. Nina konnte diese Zahlen damals noch nicht wirklich einordnen. Sie hatte keinen Wunsch nach einem Kaiserschnitt. Ihre Vorstellung war eine möglichst natürliche Geburt, idealerweise aktiv, mit wenig Schmerzmitteln und vielleicht sogar im Wasser.

Ein Kaiserschnitt blieb für sie etwas Abstraktes. Die Schwangerschaft verlief gut, sie fühlte sich fit. Warum also sollte sie einen Kaiserschnitt brauchen?

Das Vorgespräch und ein ungutes Gefühl

Vor der Geburt gab es ein Vorgespräch mit einer Hebamme im Krankenhaus. Nina schilderte ihre Wünsche: möglichst aktiv gebären, vielleicht eine Wassergeburt, wenig Eingriffe.

Doch zwischen ihr und der Hebamme stimmte der Kontakt nicht. Nina beschreibt den Vibe als nicht passend. Sie hoffte, diese Hebamme während der Geburt nicht wiederzusehen.

Weil in einem Kreißsaal viele Hebammen arbeiten, rechnete sie nicht damit, dass genau diese Person später für sie zuständig sein würde.

Doch genau das geschah.

Wenn der Geburtstermin überschritten wird

Als der errechnete Geburtstermin vorbei war, wurde der Druck größer. Bei ET plus drei sprach ihr Gynäkologe erstmals über eine mögliche Einleitung.

Für Nina war das ein Moment, in dem die Freude über das baldige Kennenlernen des Kindes in den Hintergrund rückte. Stattdessen kreisten ihre Gedanken darum, wie sie eine Einleitung vermeiden könnte.

Sie kannte Geschichten über Einleitungen, die sie verunsicherten. Gleichzeitig wusste sie, dass sie und ihr Bruder selbst jeweils etwa 14 Tage nach dem errechneten Termin geboren worden waren. Für Nina war daher nicht unplausibel, dass auch ihr Kind später kommen könnte.

Bei ET plus zehn stellte sie sich im Krankenhaus vor. Dort begegnete ihr eine zugewandte Ärztin, die sie untersuchte und sagte, es sei alles gut. Wenn Nina noch nicht bereit sei, müsse man nichts überstürzen. Diese Begegnung tat Nina gut. Sie fühlte sich gesehen.

Die Einleitung beginnt

Ein paar Tage später war das Kind immer noch nicht geboren. Für Nina wurde klar: Sie würde sich der Einleitung stellen.

Zunächst bekam sie auf Station ein Zimmer. In den Kreißsaal sollte sie erst, wenn die Geburt wirklich begonnen hatte. Sie wurde über die medikamentöse Einleitung aufgeklärt und erhielt schließlich ein Medikament.

Nina spricht in der Folge auch darüber, dass es sich damals um Zytotec handelte und dass sie später viel Kritisches über dieses Medikament erfahren habe. Sie beschreibt, dass sie alle vier Stunden ans CTG angeschlossen wurde, um die Reaktion des Kindes und ihres Körpers zu kontrollieren.

Der Tag im Krankenhaus war anstrengend. Nina und ihr Partner versuchten sich abzulenken, spielten Karten und liefen Treppen. Abends sollte ihr Partner eigentlich nach Hause fahren. Dann sprang die Fruchtblase.

Der Blasensprung und die erste Unsicherheit

Der Blasensprung war zunächst ein schöner Moment. Es fühlte sich so an, als würde die Geburt nun wirklich losgehen.

Gleichzeitig war Nina verunsichert. Sie wusste, dass der Kopf ihres Kindes noch nicht fest im Becken lag. Ihr Gynäkologe hatte ihr gesagt, sie solle im Falle eines Blasensprungs liegen bleiben, weil theoretisch die Nabelschnur vorfallen könnte.

Im Krankenhaus wurde darauf jedoch kaum eingegangen. Als ihr Partner nachfragte, hieß es sinngemäß, sie könne natürlich aufstehen. Nina fragte sich schon zu diesem Zeitpunkt, ob jemand ihre Akte gelesen hatte und ob intern überhaupt richtig kommuniziert wurde.

Dann begannen die Wehen.

Wehen, Erschöpfung und ein Muttermund, der sich kaum öffnet

In der Nacht wurden die Wehen stärker. Gegen drei Uhr morgens wollte Nina in den Kreißsaal. Sie und ihr Partner schoben gemeinsam das Bett dorthin.

Doch am Kreißsaal wurden sie dafür angefahren, dass Nina nicht im Bett lag, sondern das Bett mitgeschoben hatte. Für Nina passte das zu der bereits vorher schwierigen Kommunikation.

Bei Untersuchungen zeigte sich: Der Muttermund war noch kaum geöffnet. Das war für Nina niederschmetternd, weil sich die Wehen bereits stark anfühlten.

Sie war müde, hatte die Nacht vorher kaum geschlafen und war schon lange auf den Beinen. Eine Hebamme aus der Nachtschicht bot ihr ein Medikament zur Schmerzlinderung an. Kurz fühlte sich das gut an, fast wie eine Pause auf rosa Watte. Danach wurde ihr jedoch stark übel. Sie musste sich immer wieder übergeben und verlor weiter Kraft.

Der Moment, in dem der Schmerz anders wurde

Am Morgen kam Nina in den richtigen Kreißsaal. Dort hing ein Tuch, in das sie sich zunächst gut hineinlehnen konnte. Wasser wurde in die Wanne eingelassen, weil sie sich eine Wassergeburt vorstellen konnte.

Dann kam ein Kipppunkt. Nina hatte das Gefühl, nicht mehr stehen zu können. Sie konnte sich nicht mehr in das Tuch hängen. Der Schmerz veränderte sich komplett.

Sie beschreibt ihn nicht als normalen Wehenschmerz, sondern als Schmerz, der in ihr Becken fuhr, als würde es brennen und zerspringen. Für Nina fühlte es sich nicht mehr so an, als würde ihr Körper ein Kind hinausarbeiten. Es fühlte sich an, als würde ihr Körper kaputtgehen.

Genau in diesem Moment wechselte die Hebammenschicht.

Die Hebamme, vor der Nina sich schon im Vorgespräch gefürchtet hatte

Die neue Hebamme war ausgerechnet die Frau, mit der Nina bereits im Vorgespräch keinen guten Kontakt gehabt hatte.

Nina versuchte ihr zu sagen, dass sie wahnsinnige Schmerzen habe. Sie sagte, dass sie nicht glaube, dass das normale Geburtswehen seien. Sie äußerte, dass etwas nicht stimme.

Die Reaktion der Hebamme erlebte Nina als abweisend und kalt. Sie fühlte sich nicht ernst genommen. Die Untersuchung empfand sie als kurz und oberflächlich. Wieder hieß es: Es sei noch nicht so weit.

Dann sagte die Hebamme einen Satz, den Nina nie vergessen hat: „Kindchen, eine Geburt ist halt kein Zuckerschlecken und da müssen Sie jetzt durch.“

Alleingelassen im Kreißsaal

Nach diesem Satz fühlte Nina sich allein. Die Hebamme verließ den Raum immer wieder. Für Nina war klar: Mit dieser Person kann ich nicht rechnen.

Sie lag im Kreißsaal, hatte extreme Schmerzen, war an das CTG angeschlossen und fühlte sich ausgeliefert. Die Hebamme schien sich vor allem auf die Kurven zu verlassen. Dass Nina psychisch und emotional in eine massive Ausnahmesituation geriet, wurde aus ihrer Sicht nicht gesehen.

Nina spricht im Gespräch auch darüber, dass sie die Bedingungen für Hebammen nicht ignoriert: Unterbesetzung, schlechte Bezahlung, Schichtsysteme und Überlastung. Trotzdem bleibt für sie die Frage, wie es passieren kann, dass eine Person in einer solchen Situation so kalt und unempathisch reagiert.

Der Wunsch nach einer Ärztin wird abgelehnt

Mehrfach versuchte Nina zu sagen, dass etwas nicht stimmt. Eine Hebammenschülerin untersuchte sie und war aus Ninas Sicht zugewandt und freundlich. Doch sie war der älteren Hebamme unterstellt.

Nina bat darum, dass eine Ärztin oder ein Arzt hinzugezogen wird. Sie wollte einen Ultraschall. Sie wollte, dass jemand anderes auf die Situation schaut.

Die Hebamme lehnte das ab. Für einen Kaiserschnitt sehe sie keine Indikation. Eine Ärztin brauche man nicht.

Für Nina war das ein zentraler Punkt der Gewalt: Sie sagte, dass etwas nicht stimmt. Sie bat um Hilfe. Sie bat um eine weitere medizinische Einschätzung. Und sie bekam sie nicht.

Schmerz wie Folter

Nina beschreibt die folgenden Stunden als eine Art Folter. Nicht, weil sie glaubt, dass Geburt grundsätzlich Folter sei. Sondern weil sie in einem offiziell sicheren medizinischen Umfeld lag, schlimmste Schmerzen hatte und keine Hilfe bekam.

Die Wehen kamen etwa alle zwei Minuten. Dazwischen blieb kaum Zeit, wieder klarzukommen. Nina konnte sich kaum bewegen. Sie lag auf dem Kreißbett und versuchte, von Wehe zu Wehe irgendwie weiterzuleben.

Irgendwann fühlte sie sich nicht mehr richtig anwesend. Sie beschreibt, dass sie sich von oben beobachtete, als würde ihre Seele an der Zimmerdecke schweben. Sie dachte sogar daran, aus dem offenen Fenster zu springen, nur damit der Schmerz aufhört.

Rückblickend kann Nina diesen Gedanken einordnen. In dem Moment war es kein rationaler Wunsch. Es war der Ausdruck völliger Überforderung und Ohnmacht.

Die PDA kommt spät und hilft kaum

Irgendwann bat Nina selbst um eine PDA. Auch das belastet sie rückblickend: Sie musste in ihrer Ausnahmesituation selbst auf die Idee kommen, obwohl ihr diese Möglichkeit hätte angeboten werden können.

Bis die Anästhesisten kamen, dauerte es. Ihr Partner musste den Raum verlassen, als die PDA gelegt wurde. Für Nina war das in dieser Situation schwer, weil sie sich ohnehin schon von ihm entfernt fühlte.

Die Anästhesisten waren freundlich, aber Nina war kaum noch aufnahmefähig. Sie bekam einen Drücker, mit dem sie sich zusätzliche Dosen geben konnte. Später erfuhr sie, dass sie 87-mal gedrückt hatte, obwohl nur wenige Zusatzgaben möglich waren.

Für Nina zeigt diese Zahl rückblickend vor allem eines: ihre Verzweiflung. Die PDA wirkte nicht ausreichend oder nicht so, wie sie es gebraucht hätte.

Erst die nächste Hebamme erkennt den Ernst der Lage

Die Situation änderte sich erst mit dem nächsten Schichtwechsel. Eine andere Hebamme kam und nahm Nina anders wahr. Sie sah, dass Nina schon lange da war und dass bald etwas passieren musste.

Diese Hebamme versuchte zunächst, Nina zu motivieren und einen Plan zu entwickeln. Doch Nina war körperlich kaum noch in der Lage, mitzumachen.

Schließlich holte diese Hebamme eine Ärztin mit einem Ultraschallgerät. Erst dadurch wurde sichtbar, was schon viel früher hätte erkannt werden können: Der Kopf des Kindes lag nicht im Becken. Er schwebte über dem Becken und das Kind schaute nach oben.

Für Nina war das ein krasser Moment. Alle im Raum wirkten fassungslos, dass dies erst jetzt auffiel. Aus ihrer Sicht hätte man das bereits morgens feststellen können, wenn ihr Wunsch nach einer ärztlichen Untersuchung ernst genommen worden wäre.

Der Kaiserschnitt als einziger Ausweg

Nach dem Ultraschall war klar: Es bleibt nur ein Kaiserschnitt.

Nina wurde gefragt, ob sie einverstanden sei. Für sie fühlte sich diese Frage fast überflüssig an, weil es faktisch keinen anderen Ausweg mehr gab.

Die starken Wehen gingen weiter. Auch die Vorbereitung auf den OP dauerte. Erst als die Narkose über die PDA so wirkte, dass sie ab Brustbereich nichts mehr spürte, endeten die Schmerzen.

Dieser Moment fühlte sich für Nina fast wie der Himmel an. Um sie herum waren plötzlich viele Menschen, die aktiv kommunizierten und handelten. Eine Person war an ihrem Kopfende und sprach mit ihr. Genau diese Form von Begleitung hatte ihr zuvor stundenlang gefehlt.

Ein erster Moment ohne Gefühl

Der Kaiserschnitt selbst war für Nina eine intensive Erfahrung. Sie spürte zwar keine Schmerzen mehr, aber Druck und Bewegungen. Zwischen ihr und dem OP-Team hing eine Plane.

Als ihr Kind geboren wurde, sahen es andere Menschen vor ihr. Eine Hebammenschülerin sagte, wie hübsch es sei. Nina empfand das gleichzeitig schön und schmerzhaft.

Als ihr das Baby kurz vors Gesicht gehalten wurde, dachte sie: ein hübsches Baby. Aber sie konnte nicht wirklich zusammenbringen, dass es ihr Kind war.

Nina beschreibt diesen Moment als völlige Leere. Sie hatte nach diesem langen, traumatischen Geburtsverlauf keine Kapazität mehr, das zu fühlen, was sie erwartet hatte. Rückblickend sagt sie klar: Sie kann nichts dafür. Aber traurig ist es trotzdem.

Nach der Geburt: Fieber, Neonatologie und Alleinsein

Nach dem Kaiserschnitt blieb Nina noch mehrere Tage im Krankenhaus. Das Fruchtwasser war grün, das Kind hatte Fieber, Nina hatte Fieber. Beiden ging es nicht gut.

Ihr Kind wurde auf die Neonatologie verlegt. Nina lag allein auf dem Zimmer. Ein Familienzimmer war nicht möglich, weil das Kind auf der Neo war. Ihr Partner musste nach Hause fahren.

Am nächsten Tag konnte Nina ihren Körper noch kaum bewegen. Erst später schob ihr Partner sie im Rollstuhl zur Neonatologie, damit sie ihr Kind richtig ansehen und langsam Kontakt aufnehmen konnte.

Nina weinte viel. Sie konnte kaum artikulieren, was los war. Gleichzeitig war für ihr Umfeld offensichtlich, dass etwas sehr schlecht gelaufen war.

Wenn nach der Geburt wieder nicht nach der Mutter gefragt wird

Die Hebamme, die Nina während der schlimmen Schicht betreut hatte, begegnete ihr später im Krankenhaus noch einmal.

Sie fragte nicht, wie es Nina gehe. Sie fragte: „Wie geht’s dem Kindchen?“

Für Nina war das ein weiterer Schlag. Wieder stand das Kind im Vordergrund, nicht die Person, die gerade diese Geburt erlebt hatte. Nina betont, dass das körperliche Wohl des Kindes wichtig ist. Aber sie fragt auch, warum die gebärende Person so oft übergangen wird.

Für sie müsste die Person, die das Kind zur Welt bringt, im Mittelpunkt stehen. Sie braucht Unterstützung, Empathie und die Frage: Wie geht es dir? Was brauchst du?

Die Beschwerde beim Krankenhaus

Nach der Entlassung suchte Nina nach einer Möglichkeit, dem Krankenhaus Rückmeldung zu geben. An der Pforte bekam sie zunächst einen Qualitätsmanagement-Bogen, auf dem es um Essen und Sauberkeit ging. Das passte für sie nicht.

Schließlich schrieb sie eine E-Mail an die leitende Hebamme. Sie schilderte, was passiert war, und schrieb, dass sie sich über die betreffende Hebamme beschweren möchte.

Drei Monate nach der Geburt kam es zu einem Gespräch. Nina und ihr Partner nahmen ihr Baby mit. Auch die betreffende Hebamme war dabei.

Nina war stolz, diesen Schritt zu gehen. Sie wollte, dass jemand hört, was passiert war. Sie wollte, dass daraus im besten Fall Konsequenzen entstehen, damit andere Menschen so etwas nicht erleben müssen.

Ein Nachgespräch ohne echte Begegnung

Das Gespräch war schwer. Nina weinte viel. Sie versuchte zu erklären, was sie gebraucht hätte und warum die Behandlung sie so verletzt hatte.

Die Hebamme arbeitete sich aus Ninas Sicht vor allem am Protokoll ab. Sie verwies darauf, was sie dokumentiert und gemacht habe. Nina fragte, warum sie ihr nicht geglaubt hatte, warum sie sie nicht ernst nahm und warum sie diesen Satz gesagt hatte, dass eine Geburt kein Zuckerschlecken sei.

Doch aus Ninas Sicht kam es zu keinem echten Gespräch. Es war ein Aneinander-Vorbeireden. Nina sprach über Empathie und Verletzung. Die Hebamme sprach über Abläufe und Protokoll.

Die Vorgesetzte moderierte das Gespräch jedoch so, dass Nina sich zumindest teilweise bestätigt fühlte. Später, als die Hebamme nicht mehr dabei war, sagte sie Nina, dass Dinge passiert seien, die nicht hätten passieren dürfen. Nina hätte das Recht gehabt, eine Ärztin oder einen Arzt zu verlangen.

Keine Konsequenzen

Für Nina war diese Bestätigung wichtig. Sie half ihr zu verstehen, dass sie sich nicht alles eingebildet hatte.

Gleichzeitig erfuhr sie, dass das Verhalten der Hebamme keine wirklichen Konsequenzen hatte. Die Hebamme arbeitete weiter, bis sie später in Rente ging.

Das belastete Nina lange. Auch weil sie erfuhr, dass andere Frauen ähnliche Erfahrungen mit dieser Hebamme gemacht und sich ebenfalls über respektloses, übergriffiges oder unempathisches Verhalten beschwert hatten.

Für Nina zeigt sich darin nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern auch ein strukturelles Problem.

Warum Nina von Gewalt während der Geburt spricht

Nina brauchte eine Weile, bis sie den Begriff Gewalt für das Erlebte fand. Zunächst dachte sie bei Gewalt eher an körperliche Gewalt.

Heute sagt sie: Was sie erlebt hat, war emotionale und psychische Gewalt. Zusätzlich spricht sie von institutioneller Gewalt, weil Strukturen Dinge zuließen oder verhinderten.

Für Nina geht es nicht nur um eine einzelne Hebamme. Es geht auch um ein System, in dem eine gebärende Person in einer extrem verletzlichen Situation nicht ausreichend geschützt wird. Es geht um fehlende Empathie, fehlende Kommunikation und die Frage, warum solche Erfahrungen so selten sichtbare Konsequenzen haben.

Trauma im Wochenbett

Zu Hause funktionierte Nina nach außen als Mutter. Sie stillte, versorgte ihr Kind und tat, was nötig war.

Doch innerlich trug sie ein schweres Trauma mit ins Wochenbett. Erinnerungen an den Kreißsaal kamen in Schüben zurück. Sie war viel mit sich selbst und mit der Frage beschäftigt, warum das passieren musste.

Ihr Kind war kein Schreikind. Zu Hause war es zunächst ruhig. Trotzdem fragte Nina sich lange, ob ihre Bindung zum Kind gestört sei.

Sie konnte irgendwann einordnen, dass es keinen allgemeingültigen Normalfall für Bindung und Muttergefühle gibt. Nicht jede Geburt endet in Euphorie. Nicht jede Beziehung zum Kind fühlt sich sofort so an, wie andere es erzählen.

Wie die Geburt die Beziehung belastete

Auch die Beziehung zu ihrem Partner wurde durch die Geburtserfahrung belastet. Er hatte die Geburt aus seiner Perspektive erlebt, Nina aus ihrer.

Sie wollte immer wieder darüber sprechen. Er konnte es irgendwann kaum noch hören, hörte aber trotzdem zu. Nina war lange wütend darüber, dass er zwar dabei war, aber nicht fühlen konnte, was sie gefühlt hatte.

Sie mussten viel reden. Es gab Krisen, wie bei vielen Menschen, die Eltern werden – aber bei ihnen kam das Geburtstrauma als zusätzlicher schwerer Faktor hinzu.

Irgendwann fand Nina eine Therapeutin, die sich mit traumatischer Geburt, Familie werden und Paarbeziehung auskannte. Diese Unterstützung empfand sie als sehr wertvoll.

Hilfsangebote und der Verein Motherhood

Nina erzählt, dass sie relativ kurz nach der Geburt dem Verein Motherhood e. V. beitrat.

Sie spricht außerdem über ein Hilfetelefon, das Motherhood gemeinsam mit dem ISPPM eingerichtet hat. Dort können Menschen über ihre Geburtserfahrung sprechen. Am anderen Ende sitzen psychologisch geschulte Beraterinnen.

Nina beschreibt dieses Angebot als niedrigschwellig. Gleichzeitig sagt sie, dass es insgesamt noch zu wenige spezialisierte Hilfsangebote für Menschen gibt, die Gewalt während der Geburt erlebt haben.

Viele Betroffene sprechen nicht darüber. Manche wollen es vergessen. Andere glauben, sie hätten selbst etwas falsch gemacht. Und oft wird Gewalt während der Geburt gar nicht als Gewalt erkannt.

Warum diese Folge so wichtig ist

Die Folge mit Nina ist wichtig, weil sie deutlich macht, dass Geburt nicht nur ein medizinischer Vorgang ist. Geburt ist eine körperliche, emotionale und existenzielle Erfahrung.

Ninas Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn eine gebärende Person nicht gehört wird. Wenn Schmerzen abgetan werden. Wenn der Wunsch nach ärztlicher Einschätzung verweigert wird. Wenn Kommunikation ausbleibt und eine Person in einer Ausnahmesituation allein gelassen wird.

Sie zeigt auch, dass die Folgen nicht mit der Geburt enden. Ein Geburtstrauma kann das Wochenbett, die Bindung zum Kind, die Partnerschaft, das Vertrauen in medizinische Strukturen und das eigene Körpergefühl beeinflussen.

Gleichzeitig zeigt Nina, wie wichtig Sprache ist. Einen Begriff wie geburtshilfliche Gewalt oder Gewalt während der Geburt zu finden, kann helfen, das Erlebte einzuordnen und sichtbar zu machen.

Was Nina sich für die Zukunft wünscht

Nina wünscht sich eine Welt, in der feministische Themen mehr Anklang finden, in der Gesellschaft sich nach vorne bewegt und in der Menschen gleichberechtigt leben können.

Für sie hängt die eigene Zukunft mit der Zukunft der Gesellschaft zusammen. Sie möchte eine Welt ohne Gewalt und Diskriminierung – auch für ihre Kinder.

Sie sagt, dass mehr darüber gesprochen werden muss. Gewalt während der Geburt müsse sichtbarer werden. Es brauche Konsequenzen und ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, wie langfristig solche Erfahrungen Menschen, Familien und Beziehungen prägen können.

Die Podcastfolge mit Nina ansehen oder anhören

Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Nina kannst du hier ansehen oder anhören:

Fazit: Ninas Geschichte zeigt, warum Zuhören im Kreißsaal lebenswichtig ist

Nina ging in ihre erste Geburt mit Respekt, Offenheit und Vorfreude. Sie wollte ihr Kind im Krankenhaus zur Welt bringen, weil sie dort Sicherheit erwartete.

Stattdessen erlebte sie stundenlange Schmerzen, fehlende Unterstützung, abweisende Kommunikation und das Gefühl, nicht als Mensch gesehen zu werden. Erst spät wurde erkannt, dass das Kind falsch lag und ein Kaiserschnitt notwendig war.

Die Geburt endete nicht mit Erleichterung, sondern mit Leere, Trauma und einem schweren Wochenbett. Doch Nina fand Worte für das, was passiert war. Sie suchte das Gespräch, beschwerte sich, ging in Therapie und spricht heute öffentlich über Gewalt während der Geburt.

Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist ein wichtiges Gespräch über Geburtstrauma, institutionelle Gewalt, fehlende Empathie im Kreißsaal und die Frage, wie eine Geburtshilfe aussehen müsste, die gebärende Menschen wirklich sieht.