Gewalt am Arbeitsplatz veränderte Sandras Leben von einem Moment auf den anderen. Sie wurde in einer Arztpraxis von einer Patientin angegriffen, erlitt körperliche Verletzungen und entwickelte danach Panikattacken sowie eine posttraumatische Belastungsstörung. In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne erzählt Sandra von dem Angriff, dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihrem schwierigen Weg durch Therapie, Gericht und Berufsgenossenschaft – und davon, wie sehr sie sich ihr altes Leben zurückwünscht.
Hinweis: In diesem Artikel geht es um körperliche Gewalt, Panikattacken, posttraumatische Belastungsstörung, Arbeitsplatzverlust, Gerichtsverfahren, finanzielle Not und fehlende Unterstützung nach einem Arbeitsunfall. Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Themen sicher fühlst.
Auf einen Blick
- Worum geht es in der Folge? Sandra erzählt, wie sie in einer Arztpraxis von einer Patientin angegriffen wurde.
- Was ist der zentrale Konflikt? Nach dem Angriff entwickelte Sandra Panikattacken, verlor ihren Arbeitsplatz und fühlte sich von wichtigen Stellen nicht ausreichend unterstützt.
- Warum ist die Geschichte relevant? Die Folge zeigt, wie tief Gewalt am Arbeitsplatz wirken kann – körperlich, psychisch, beruflich und finanziell.
Wer ist Sandra?
Sandra arbeitete viele Jahre im Gesundheitswesen. Sie machte eine Ausbildung zur Arzthelferin und leitete seit 2008 eine allgemeinmedizinische Praxis.
Diese Praxis war für sie weit mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sie hatte dort bereits als Jugendliche mit einem Praktikum begonnen, später als Aushilfe gearbeitet, ihre Ausbildung gemacht und schließlich die Leitung übernommen.
Sandra beschreibt das Verhältnis zu ihrem damaligen Arbeitgeber und dem Team lange Zeit als sehr gut. Der Arzt war auch privat bei wichtigen Ereignissen dabei, etwa bei ihrer Hochzeit. Mit Kolleginnen war sie eng verbunden, teilweise sogar so sehr, dass sie gemeinsam in den Urlaub fuhr.
Die Praxis war für Sandra eine Art zweites Zuhause.
Mehr als ein Job: Sandras Rolle in der Praxis
Sandra übernahm in der Praxis viel Verantwortung. Sie war leitende Kraft, kümmerte sich um Personalmanagement und organisierte den Alltag mit.
Zusätzlich absolvierte sie eine Weiterbildung zur entlastenden Versorgungsassistentin. Dadurch durfte sie außerhalb der Praxis selbstständig tätig werden. Sie machte Hausbesuche, betreute Pflegeheime, nahm Blut ab, versorgte Wunden und unterstützte Patientinnen und Patienten, die nicht mehr in die Praxis kommen konnten.
Ihr Arbeitsalltag begann oft mit Hausbesuchen. Danach fuhr sie in die Praxis und arbeitete dort weiter in der Sprechstunde.
Sandra mochte ihren Beruf. Sie war erfahren, kannte die Patientinnen und Patienten und hatte das Gefühl, gut einschätzen zu können, wie Menschen reagieren.
Der Tag des Angriffs
Der Angriff geschah an einem Arbeitstag im Februar, während der Corona-Zeit.
Sandra hatte morgens Hausbesuche gemacht und kam gegen halb zehn zur Praxis. Die Praxis lag in einem Gebäude mit einem großen offenen Treppenhaus. Als sie die Stufen zur Praxis hochging, kam ihr eine Patientin entgegen.
Diese Patientin war Sandra bekannt, aber vorher nicht auffällig gewesen. Sie wirkte in dem Moment, als ginge es ihr körperlich schlecht. Sandra beschreibt, dass sie torkelte.
Aus ihrem beruflichen Reflex heraus ging Sandra ihr entgegen, weil sie dachte, die Frau könnte Hilfe brauchen.
Dann schlug die Patientin plötzlich auf Sandra ein.
„Aus dem Nichts“: Als die Patientin zuschlug
Der Angriff kam für Sandra völlig überraschend. Die Patientin schlug ihr mit der Faust mehrfach gegen den Kopf.
Im ersten Moment dachte Sandra sogar, die Frau habe vielleicht einen Krampfanfall. Erst beim zweiten oder dritten Schlag realisierte sie, dass sie angegriffen wurde.
Hinter der Patientin kam Sandras damaliger Arbeitgeber die Treppe herunter. Er war ihr offenbar gefolgt, weil sie vorher bereits in und vor der Praxis randaliert hatte. Die Patientin war der Praxis verwiesen worden.
Der Arzt hielt sie fest. Dadurch wurde sie noch wütender. Sandra rief schließlich, er solle loslassen. Die Patientin versuchte noch zu treten, ging die Treppe hinunter und verschwand.
Was vor dem Angriff passiert war
Erst nach dem Angriff erfuhr Sandra, was zuvor in der Praxis passiert war.
Die Patientin war ohne Termin gekommen. Wegen der Corona-Zeit gab es feste Abläufe. Eigentlich sollten Menschen ohne Termin später zur Akutsprechstunde kommen. Weil nicht viel los war, fragte eine Kollegin zunächst den Arzt.
Schon das schien der Patientin nicht zu gefallen. Auch die Wartezeit machte sie wütend. Nach dem Arztkontakt bekam sie eine Krankschreibung, die ihr offenbar nicht lang genug war.
Daraufhin wurde sie verbal ausfallend, beleidigte eine Kollegin, ging hinaus und warf vor der Tür einen Stuhl um.
Kurz danach traf sie auf Sandra im Treppenhaus.
Der erste Schock und die körperlichen Folgen
Direkt nach dem Angriff spürte Sandra vor allem Schock. Ihr Kopf dröhnte, im Ohr fiepte es. Gleichzeitig machte sie sich sogar Sorgen um die Patientin und fragte sich, was in ihr vorgegangen sein musste.
Die Praxis rief die Polizei – auch, um zu melden, dass dort eine Person unterwegs war, die möglicherweise eigengefährdet sein könnte.
Erst später am Tag, als das Adrenalin nachließ, merkte Sandra die körperlichen Folgen stärker. Sie konnte den Kopf kaum bewegen. Sie hatte Blut im Gehörgang, Schmerzen im Kiefergelenk und starke Beschwerden an der Wirbelsäule.
Am nächsten Tag ging sie zum Durchgangsarzt, weil der Angriff ein Arbeitsunfall war. Diagnostiziert wurden unter anderem ein Schleudertrauma, eine Schädelprellung und eine Kieferprellung.
Zu früh zurück in die Praxis
Sandra wurde zunächst für zwei Wochen krankgeschrieben. Doch nach einer Woche bat ihr Arbeitgeber sie, zurückzukommen.
Eine Auszubildende war ebenfalls krank, und die andere Kollegin sollte nicht allein in der Praxis sein. Sandra kam zurück und machte leichten Dienst.
Rückblickend beschreibt Sandra, dass dies im Gesundheitswesen nicht ungewöhnlich sei. Trotzdem war es für sie schwer. Sie musste an den Ort zurück, an dem der Angriff passiert war.
Die Treppe wurde für sie zum Tatort. Beim ersten Wiederhochgehen hatte sie ein flaues Gefühl. Gleichzeitig war die Praxis lange ihr zweites Zuhause gewesen. Diese Mischung machte es kompliziert.
Warum Sandra ihre Belastung lange kleinredete
Sandra hatte das Gefühl, sie dürfe den Angriff nicht zu schlimm finden. In ihrem Umfeld nahm sie wahr, dass es eher hieß: Es war doof gelaufen, aber so etwas passiert eben.
Sie wollte ihre Kolleginnen außerdem schützen. Wenn sie offen gezeigt hätte, wie schwer der Angriff für sie war, hätte das bedeutet, dass von Patientinnen und Patienten tatsächlich Gefahr ausgehen kann. Diesen Gedanken wollte sie dem Team nicht zumuten.
Also versuchte Sandra, sich selbst zu regulieren. Sie machte weiter. Sie verdrängte, wie tief sie der Angriff getroffen hatte.
Körperlich wurde sie behandelt, etwa durch Physiotherapie. Doch als die körperlichen Beschwerden besser wurden, kamen die psychischen Folgen stärker zum Vorschein.
Die Panik beginnt
Sandra merkte irgendwann, dass sie die Treppe mied. Wenn Menschen vor der Praxis standen, ging sie noch einmal um den Block. Manchmal fiel ihr plötzlich ein, dass sie noch etwas kaufen müsse, nur um die Situation zu vermeiden.
Es gab ein internes Treppenhaus, das umständlicher war. Sandra nahm lieber diesen Weg, als über die Treppe zu gehen, auf der sie angegriffen worden war.
Besonders schwer wurde es, wenn Menschen vor der Praxis standen. Während der Corona-Zeit bildeten sich solche Schlangen häufiger. Sandra wartete dann oft, bis alle weg waren.
Die Angst breitete sich aus.
Die erste schwere Panikattacke im Urlaub
Im Mai hatte Sandra zum ersten Mal Abstand von der Praxis. Sie fuhr allein mit ihren Hunden nach Cornwall.
Der Urlaub tat ihr zunächst gut. Sie konnte morgens aufwachen, ohne direkt an die Praxis und die Treppe denken zu müssen.
Doch ausgerechnet weit weg von zu Hause erlebte sie ihre erste richtig schlimme Panikattacke.
Sie stand an einem Strandbus in einer Schlange und unterhielt sich mit anderen Urlaubern. Hinter ihr wurde es plötzlich hektisch, weil sich eine Frau vor einer Biene oder Wespe erschreckte. Diese unkontrollierbare Hektik löste bei Sandra eine körperliche Reaktion aus.
Ihr Herz raste, ihr wurde schwindelig und schlecht. Sie dämmerte weg und dachte zunächst, es sei der Kreislauf. Eine englische Urlauberin erkannte die Situation und fragte, ob Sandra Panikattacken habe, weil sie das von ihrem Sohn kenne.
Es war die erste von vielen.
Wenn der Alltag immer kleiner wird
Nach dem Urlaub verstärkten sich die Panikattacken. Sandra begann, immer mehr Situationen zu vermeiden.
Besonders schwierig waren Menschenmengen, hektische Bewegungen und Personen, die sich hinter ihr bewegten. Obwohl sie von vorne angegriffen worden war, reagierte ihr Körper zunehmend auf unüberschaubare Situationen.
Sandra mied Märkte, ging nur noch spätabends einkaufen und ließ mehr als einmal einen vollen Einkaufswagen stehen, weil sie den Laden verlassen musste.
Auch in der Praxis veränderte sich ihr Verhalten. Früher war sie diejenige, die bei angespannten Situationen auf Patientinnen und Patienten zuging und deeskalierte. Nach dem Angriff ging das nicht mehr. Wenn Menschen laut wurden, hatte sie nur noch Fluchtgedanken.
Die Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung
Im August wurde es so schlimm, dass Sandra kaum noch schlafen konnte. In einer Woche, in der ihre Kollegin krank war und Sandra öfter allein in der Praxis sein musste, spitzte sich alles zu.
An einem Montagmorgen konnte sie zu Hause nicht aufstehen. Sie konnte sich nicht bewegen und merkte: So geht es nicht weiter.
Sie suchte erneut den Durchgangsarzt auf. Dieser schrieb sie wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung krank.
Für Sandra war die Diagnose schwer. Gleichzeitig war sie zunächst auch erleichtert, weil sie damit nicht mehr in die Praxis musste.
Die Diagnose machte es ihr aber auch schwerer, sich weiter einzureden, dass alles gar nicht so schlimm sei.
Therapie und der Wunsch nach stationärer Hilfe
Über die Berufsgenossenschaft bekam Sandra relativ schnell einen Termin bei einem Therapeuten. Weil es nicht über die Krankenkasse lief, ging es schneller.
Die ersten Gespräche waren schwer. Sandra hatte lange so getan, als sei alles nicht so schlimm. Es dauerte mehrere Sitzungen, bis sie wirklich zeigen konnte, wie es ihr ging.
Sie sprach mit dem Therapeuten auch darüber, stationär Hilfe zu suchen. Aufgrund ihrer Haustiere war das jedoch nicht möglich. Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, hätte sie sich für einen stationären Aufenthalt entschieden.
Therapie wurde für Sandra wichtig, aber ihr Alltag blieb extrem eingeschränkt.
Die Anzeige und der Weg vor Gericht
Sandra zeigte die Patientin nicht sofort an. Zunächst dachte sie noch, vielleicht gehe es der Frau schlecht. Vielleicht würde sie sich entschuldigen.
Doch eine Entschuldigung kam nicht. Drei Wochen nach dem Angriff stellte Sandra Anzeige.
Später kam es zu einem Gerichtsverfahren. Der erste Termin platzte, weil die Angeklagte nicht erschien. Schon die Tage davor waren für Sandra extrem belastend.
Beim zweiten Termin saß Sandra der Frau gegenüber, die sie angegriffen hatte. Die Angeklagte weinte stark und ließ sich von ihrer Mutter trösten. Für Sandra fühlte es sich absurd an, weil von außen fast hätte wirken können, als sei die Angeklagte das Opfer.
Keine Entschuldigung und das Gefühl, selbst angegriffen zu werden
Sandra bekam bis heute keine Entschuldigung.
Während der Verhandlung versuchte der Anwalt der Angeklagten, Sandras Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Er verwies auf frühere gesundheitliche Themen und wollte daraus ableiten, dass ihre Panikattacken nicht durch den Angriff entstanden seien.
Für Sandra war das schrecklich. Sie fühlte sich erneut nicht ernst genommen.
Die Staatsanwältin und der Richter unterbanden diese Richtung zwar, aber der Moment blieb für Sandra belastend. Gerade bei psychischen Erkrankungen wurde für sie deutlich, wie schnell alles in einen Topf geworfen wird.
Ein Verfahren ohne Urteil
Die Staatsanwältin hätte laut Sandra eine Strafe in Richtung Freiheitsstrafe auf Bewährung für möglich gehalten.
Ihre Anwältin riet ihr jedoch dazu, das Verfahren gegen Zahlung eines Schmerzensgeldes einzustellen. Es ging um einen kleinen vierstelligen Betrag.
Im Nachhinein fühlt sich diese Entscheidung für Sandra nicht gut an. Das Geld machte nichts wieder gut. Rückblickend hätte sie lieber ein Urteil gehabt.
Auch mit ihrer anwaltlichen Betreuung war Sandra unzufrieden. Sie fühlte sich nicht ausreichend vorbereitet und nicht gut gesehen. Ein Täter-Opfer-Ausgleich wurde nicht eingeleitet. Ein Gutachten ihres Therapeuten wurde nicht eingereicht.
Der Tag, an dem Sandra wieder in die Praxis ging
Im Rahmen ihrer Therapie übte Sandra, sich der Praxis kontrolliert wieder anzunähern. Zuerst fuhr sie in die Stadt, dann ging sie an der Praxis vorbei, später betrat sie die Praxis abends oder am Wochenende, wenn kein Betrieb war.
Am Tag der Gerichtsverhandlung ging sie zum ersten Mal wieder während der Sprechstunde in die Praxis.
Das war für Sandra ein großer Schritt. Sie war stolz, dass sie es geschafft hatte.
Doch genau an diesem Tag sagte ihr damaliger Chef, dass er nicht mehr mit ihr arbeiten wolle. Sie sei zu labil.
Die Kündigung als erneuter Schlag
Für Sandra fühlte sich dieser Moment wie ein erneuter Schlag an.
Sie hatte über viele Jahre in dieser Praxis gearbeitet, war dort erwachsen geworden, hatte Verantwortung getragen und ihren Job geliebt. In der Therapie war ihr Ziel immer gewesen, wieder zurück zur Arbeit zu können.
Als sie diesen Schritt endlich versuchen wollte, wurde ihr gesagt, dass sie nicht mehr erwünscht sei.
Sie beendete das Gespräch und verließ die Praxis. Danach fiel sie in ein tiefes Loch. Das Ziel, wieder in die Praxis zurückzukehren, war weg.
Später schrieb ihr ehemaliger Arbeitgeber, sie solle die Praxis nicht mehr kontaktieren und habe Praxisverbot. Auch Hilfe bei Abrechnungen, die sie zuvor von zu Hause aus noch geleistet hatte, wurde nicht mehr gewünscht.
Wenn das zweite Zuhause verloren geht
Sandra beschreibt den Verlust der Praxis als Verlust ihres zweiten Zuhauses.
Es ging nicht nur um eine Stelle. Es ging um einen Ort, der ihr Halt gegeben hatte, um Menschen, mit denen sie lange zusammengearbeitet hatte, und um eine berufliche Identität, die ihr wichtig war.
Für Sandra war besonders schwer, dass sie behandelt wurde, als habe sie etwas falsch gemacht. Dabei hatte sie ihren Job gemacht, wollte helfen und wurde dabei angegriffen.
Sie weiß rational, dass sie keine Schuld trägt. Doch emotional blieb das Gefühl, weggeworfen worden zu sein.
Der Kampf mit der Berufsgenossenschaft
Nach dem Arbeitsunfall lief vieles über die Berufsgenossenschaft. Doch Sandra beschreibt diesen Weg als extrem belastend.
Sie erhielt zunächst Verletztengeld. Später kam es zu Problemen, weil sie in einer Phase keinen Durchgangsarzt aufsuchen konnte. Genau das war jedoch Teil ihrer Erkrankung: Arztpraxen und medizinische Umfelder waren für sie schwer auszuhalten.
Sandra berichtet, dass Unterlagen fehlten, Dinge geprüft wurden, Schreiben kamen, Formulare doppelt ausgefüllt werden mussten und sie immer wieder hingehalten wurde.
Sie bekam einen Termin bei einer Traumatherapeutin, von dem sie dachte, es gehe um Therapie. Vor Ort erfuhr sie, dass es ein Gutachten war. Auch diese Begegnung erlebte sie als belastend.
Kein Geld, keine klare Ablehnung, kein Weg weiter
Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatte Sandra seit Monaten keine Leistungen von der Berufsgenossenschaft erhalten.
Das Problem: Die Berufsgenossenschaft prüfte weiter, lehnte aber nicht offiziell ab. Ohne offizielle Ablehnung konnte Sandra keinen Widerspruch einlegen. Gleichzeitig sagte ihr die Arbeitsagentur, Verletztengeld gehe vor Arbeitslosengeld, solange sie krankgeschrieben sei.
So entstand für Sandra eine Lücke. Sie bekam weder Verletztengeld noch eine andere Leistung.
Finanziell lebte sie von Erspartem. Ein guter Freund unterstützte sie, auch bei der Versorgung ihrer Haustiere. Offiziell war sie noch verheiratet und konnte dadurch familienversichert bleiben. Sonst hätte sie nach ihrer Darstellung sogar Probleme mit der Krankenversicherung bekommen.
Was Sandra sich von der Berufsgenossenschaft wünscht
Sandra wünscht sich, dass ihre Situation individuell geprüft wird.
Sie möchte, dass berücksichtigt wird, dass sie in der Zeit ohne Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nicht einfach untätig war, sondern aufgrund ihrer Erkrankung keinen Arzt aufsuchen konnte.
Sie wünscht sich Kontakt, Kommunikation und eine Suche nach Lösungen. Stattdessen fühlt sie sich hinter Richtlinien versteckt und im Stich gelassen.
Besonders belastend ist für sie, dass sie ihren Sachbearbeiter kaum erreicht und vieles nur über den Postweg läuft. Telefonate führt sie inzwischen möglichst mit einem Freund zusammen, damit es Zeugen gibt.
Was Sandra anderen Betroffenen sagen würde
Menschen, die nach einem Angriff sagen, es sei gar nicht so schlimm gewesen, würde Sandra heute etwas anderes sagen.
Sie würde ihnen raten, sich zeitnah Hilfe zu holen. Nicht zu warten, bis es immer schlimmer wird. Nicht erst dann zu reagieren, wenn es kaum noch auszuhalten ist.
Sie würde ihnen sagen, dass es Menschen gibt, die zuhören – auch wenn sie manchmal schwer zu finden sind.
Und wenn sie mit der Sandra sprechen könnte, die sich damals zum ersten Mal krankmeldete, würde sie ihr sagen: Es ist okay, dass es schwer ist. Du musst nicht so tun, als wärst du stärker, als du bist.
Was Sandra sich für ihre Zukunft wünscht
Sandra wünscht sich vor allem, wieder leben zu können wie früher.
Sie möchte einen Job finden, der sie erfüllt. Sie möchte, dass ihre finanzielle Situation geregelt wird. Sie möchte wieder fröhlich sein, einen Alltag haben und ihr altes Ich zurückbekommen.
Es sind keine großen Forderungen. Sandra möchte Stabilität, Sicherheit und ein Leben, das sich wieder nach ihrem eigenen anfühlt.
Warum diese Folge so wichtig ist
Die Folge mit Sandra ist wichtig, weil sie zeigt, dass Gewalt am Arbeitsplatz nicht mit dem körperlichen Angriff endet.
Ein einziger Moment kann das Sicherheitsgefühl eines Menschen zerstören. Er kann den Arbeitsweg verändern, den Alltag verkleinern, Panikattacken auslösen, berufliche Perspektiven zerstören und finanzielle Not nach sich ziehen.
Sandras Geschichte zeigt außerdem, wie schwer es ist, wenn Betroffene nach einem Angriff nicht ausreichend gesehen werden – weder vom Umfeld, noch vom Arbeitgeber, noch von Stellen, die eigentlich unterstützen sollten.
Sie macht sichtbar, dass psychische Folgen real sind. Und dass Menschen, die nach außen funktionieren oder sich „zusammenreißen“, trotzdem schwer verletzt sein können.
Die Podcastfolge mit Sandra ansehen oder anhören
Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Sandra kannst du hier ansehen oder anhören:
- Sandras Geschichte auf YouTube ansehen
- Sandras Geschichte auf Spotify anhören
- Sandras Geschichte bei Apple Podcasts anhören
Fazit: Sandras Geschichte zeigt, wie lange Gewalt nachwirken kann
Sandra wollte helfen, als sie einer Patientin im Treppenhaus entgegenkam. Stattdessen wurde sie angegriffen. Der körperliche Schmerz war nur der Anfang.
Danach kamen Panikattacken, Angst, Vermeidung, Therapie, Gericht, Arbeitsplatzverlust, finanzielle Unsicherheit und ein zermürbender Kampf mit der Berufsgenossenschaft.
Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, Betroffene von Gewalt am Arbeitsplatz ernst zu nehmen. Nicht nur körperlich. Sondern auch emotional, psychisch, beruflich und existenziell.
Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist ein eindringliches Gespräch über Gewalt, Trauma, fehlende Unterstützung und den Wunsch, irgendwann wieder ein normales Leben führen zu können.
