Meningokokken veränderten Iljhamas Leben, ihre Ehe und den Alltag ihrer Familie innerhalb weniger Tage. In dieser Bonusfolge von Von Bohne zu Bohne erzählt Iljhama die Geschichte ihres Mannes Alessandro aus ihrer Perspektive: vom Familienurlaub in Italien, den ersten harmlos wirkenden Symptomen, der lebensbedrohlichen Sepsis, dem ADAC-Krankenrücktransport, den Amputationen, der Rückkehr nach Hause und der Frage, wie man als Ehefrau, Mutter und Pflegende weiterfunktioniert, wenn innerlich alles zusammenbricht.
Hinweis: In diesem Artikel geht es um eine lebensbedrohliche Erkrankung im Ausland, Meningokokken, Sepsis, Amputation, Intensivstation, Angst um den Partner, Kinder in einer Krisensituation, Pflege zu Hause, Panikattacken, psychische Belastung und familiäre Überforderung.
Auf einen Blick
- Worum geht es in der Folge? Iljhama erzählt, wie sie die schwere Meningokokken-Erkrankung ihres Mannes Alessandro im Familienurlaub erlebt hat.
- Was ist der zentrale Konflikt? Während ihr Mann um sein Leben kämpfte, musste Iljhama ihre Kinder schützen, Entscheidungen treffen, Informationen verarbeiten und stark bleiben.
- Warum ist die Geschichte relevant? Die Folge zeigt, was ein medizinischer Notfall nicht nur mit Betroffenen, sondern auch mit Angehörigen macht.
Wer ist Iljhama?
Iljhama ist Alessandros Ehefrau und Mutter von fünf Kindern.
Sie und Alessandro kennen sich seit über 20 Jahren. Er war 14, sie war 16, als sie sich kennenlernten. Aus dieser frühen Beziehung wurde ein gemeinsames Leben mit Kindern, Arbeit, Alltag, Verantwortung und einem starken familiären Zusammenhalt.
Iljhama beschreibt sich und ihren Mann als Paar, das im Umfeld als stark galt. Sie redeten viel miteinander, organisierten ihren Alltag gemeinsam, teilten Aufgaben auf und waren für andere Menschen oft diejenigen, die halfen, wenn etwas gebraucht wurde.
Dann kam der Urlaub, der alles veränderte.
Ein Urlaub nach einer schweren Zeit
Iljhama freute sich sehr auf den Familienurlaub in Italien.
Elf Wochen vor der Reise hatte sie ihre Mutter nach einer schweren Krebserkrankung verloren. In den Monaten davor war sie viel bei ihrer Mutter gewesen oder hatte gearbeitet. Alessandro hatte in dieser Zeit viel zu Hause übernommen: Kinder, Haushalt, Alltag.
Der Urlaub sollte ein Moment werden, in dem die Familie wieder zusammenkommt.
Iljhama wollte endlich wieder Zeit mit Alessandro und den Kindern verbringen. Als Familie. Als Einheit. Als die sieben Menschen, die sie waren.
Die ersten Symptome bei Alessandro
Die ersten Symptome wirkten harmlos.
Alessandro hatte nach einem Mittagsschlaf leichtes Fieber. Iljhama spricht von einer Temperatur, die zunächst nicht dramatisch wirkte. Er hatte Schüttelfrost, war abgeschlagen und fühlte sich zunehmend schlechter.
Iljhama dachte zuerst an Hitzeschlag, Sonnenstich oder eine normale Infektion. Die Familie war im Urlaub, es war warm, Alessandro hatte draußen gelegen.
Doch am Abend wurde deutlich: Es ging ihm nicht einfach nur ein bisschen schlecht.
Das Abendessen, bei dem er nicht essen konnte
Die Familie war mit Alessandros Vater zum Abendessen verabredet.
Schon auf dem Weg zum Restaurant merkte Iljhama, dass Alessandro schwächer wurde. Die Gerüche des Essens störten ihn so sehr, dass ihm übel wurde.
Er ging zum Auto zurück. Iljhama stand zwischen zwei Rollen: bei den Kindern bleiben oder ihrem Mann folgen.
Sie blieb bei den Kindern, bat sie aber, schnell etwas zu essen, damit sie wieder zu Alessandro zurückkonnten.
Der Morgen mit den schwarzen Flecken
Am nächsten Morgen wachte Iljhama früh auf, weil Alessandros Unterschenkel auffällig heiß waren.
Sie maß Fieber, gab ihm fiebersenkende Tabletten und hoffte, dass sich die Situation beruhigt. Dann tranken sie kurz Kaffee zusammen.
Doch Alessandro konnte kaum sitzen. Seine Beine brannten. Er legte sich wieder hin.
Kurze Zeit später wachten beide abrupt auf. Alessandro sagte, sie solle sich seine Hand anschauen.
Auf seiner Handfläche war ein schwarzer Fleck.
Flecken, die alles veränderten
Iljhama sah sich Alessandros Körper genauer an.
Sie entdeckte weitere Verfärbungen: unterhalb der Kniescheiben und an einem Zeh. Die Flecken sahen unterschiedlich aus – ein schwarzer Fleck, wasserfarbähnliche dunkle Kleckse, ein pinker Streifen.
Iljhama arbeitet seit vielen Jahren im Gesundheitswesen. Trotzdem kannte sie diese Art von Hautveränderung nicht.
Sie rief zunächst ihren Schwiegervater an und überlegte, ob Alessandro zum Hausarzt sollte. Der Schwiegervater riet sofort, einen Rettungswagen zu rufen. Im Ausland, mit unbekanntem Gesundheitssystem und unklaren Wartezeiten, sei das sicherer.
Der Rettungswagen kommt zu spät für Iljhamas Gefühl
Der Rettungswagen kam nach etwa einer Stunde.
Als die Rettungskräfte Alessandros Flecken sahen, wirkten auch sie erschrocken. Das beunruhigte Iljhama zusätzlich.
Eine erste Vermutung war eine allergische Reaktion auf die fiebersenkenden Medikamente. Iljhama hielt das für unwahrscheinlich, weil Alessandro diese Tabletten schon früher genommen hatte.
Alessandro wurde mitgenommen. Sein Vater und sein Sohn fuhren zunächst hinterher, hatten aber keinen Zugang zu ihm und kehrten später zurück.
Iljhama blieb mit den Kindern im Ferienhaus zurück.
Den Kindern nichts sagen können
Für die Kinder war es ein Schock.
Papa war nie ausgefallen. Papa war nicht krank. Papa musste erst recht nie mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus.
Iljhama sagte ihnen, dass Papa hohes Fieber habe, Medikamente brauche und bald wiederkommt.
Von den Flecken erzählte sie nichts. Auch sie selbst hoffte in diesem Moment noch, dass Alessandro behandelt wird und zurückkommt.
Der Anruf aus dem Krankenhaus
Gegen Abend rief Alessandro an.
Er klang wütend und sagte, Iljhama solle ihn abholen. Man mache nichts mit ihm, er habe Schmerzen, sein Körper brenne, er habe Durst und bekomme keine Informationen.
Iljhama war in diesem Moment fast erleichtert, weil seine Stimme wieder kraftvoll klang.
Dann musste er auflegen, weil Ärztinnen und Ärzte zu ihm kamen.
Kurze Zeit später rief das Krankenhaus an. Iljhama solle sofort kommen.
Der Schock in der Notaufnahme
Iljhama fuhr mit ihrem Schwiegervater ins Krankenhaus.
Als sich die Tür der Notaufnahme öffnete, sah sie Alessandro direkt auf der Liege.
Was sie sah, erschütterte sie.
Am Morgen hatte er wenige dunkle Flecken gehabt. Jetzt waren alle sichtbaren freien Hautstellen dunkel verfärbt: dort, wo T-Shirt und kurze Hose Haut freiließen.
Iljhama reagierte heftig. Alessandro machte ihr mit der Hand ein Zeichen, sie solle ruhig bleiben. Die Ärztinnen und Ärzte fragten, ob er vorher schon so ausgesehen habe. Iljhama sagte: Nein.
Dann wurde sie aus dem Raum geschickt. Alessandro kam auf die Intensivstation.
Die Frage, die Iljhama bis heute verfolgt
Iljhama fragt sich bis heute, warum die Veränderung seiner Haut nicht früher bemerkt wurde.
Alessandro war über Stunden in der Notaufnahme gewesen. Die Verfärbungen hatten sich massiv ausgebreitet.
Sie weiß, dass Notaufnahmen viele schwere Fälle behandeln müssen. Trotzdem bleibt für sie die Frage: Wie konnte niemand sehen, wie schnell sich sein Zustand veränderte?
Diese Frage ist Teil ihrer Belastung geblieben.
Die Diagnose: Meningokokken
In der Nacht bekam Iljhama den Anruf.
Das Krankenhaus teilte ihr mit, dass Alessandro schwer erkrankt sei: Meningokokken. Das Krankenhaus sei zu klein, er müsse in eine größere Klinik verlegt werden.
Als Iljhama das Wort Meningokokken hörte, war für sie klar, wie ernst es ist.
Sie kannte die Erkrankung aus ihrer Ausbildung. Sie wusste, dass sie innerhalb kurzer Zeit lebensbedrohlich werden kann.
Die Nacht war für sie geprägt von Bildern, die sie nicht losließen: Alessandro im Krankenhaus, möglicherweise am ganzen Körper amputiert, vielleicht nicht mehr ansprechbar, vielleicht nicht mehr am Leben.
Angst um die Kinder
Am nächsten Morgen meldete sich das italienische Gesundheitsamt.
Alle engen Kontaktpersonen mussten in Quarantäne und prophylaktisch Antibiotika nehmen.
Iljhama hatte sofort Sorge um die Kinder. Sie holte die Impfbücher heraus und starrte die Mappe lange an, bevor sie sie öffnete.
Sie wusste nicht mehr sicher, ob alle Kinder gegen Meningokokken geimpft waren. Besonders bei der jüngsten Tochter hatte sie Angst, etwas versäumt zu haben.
Als sie sah, dass alle Kinder geimpft waren, war sie erleichtert.
An sich selbst dachte sie in diesem Moment nicht.
Der erste Besuch in der Klinik in Lecce
Alessandro wurde nach Lecce verlegt, etwa 80 Kilometer entfernt.
Als Iljhama ihn zum ersten Mal dort sah, musste sie Schutzkleidung tragen: Handschuhe, Mundschutz, Haube, Kittel.
Sie hatte die schlimmsten Bilder im Kopf. Als Alessandro sie erkannte und begrüßte, bekam sie einen Moment lang Hoffnung zurück.
Für sie war dieser Augenblick, als würde auch sie selbst wieder ein Stück Leben zurückbekommen.
Was die Ärzte Iljhama sagten
Nach dem Besuch sprach ein Arzt mit ihr.
Er erklärte, wie schwer Alessandros Zustand war. Die Ausbreitung im Blutkreislauf habe durch Antibiotika und weitere Medikamente gestoppt werden können. Aber Alessandro schwebe weiterhin in höchster Lebensgefahr.
Gleichzeitig gab es erleichternde Informationen: Das zentrale Nervensystem war nicht geschädigt, und auch die inneren Organe waren offenbar nicht beschädigt.
Dann sagte der Arzt auch, dass es voraussichtlich auf Amputationen hinauslaufen werde.
Mehr wissen als der eigene Mann
Iljhama wusste früher als Alessandro, was ihm vermutlich bevorstand.
Die Ärzte hatten ihr gesagt, dass Beine und Finger betroffen sein würden. Alessandro selbst wusste das zunächst nicht.
Iljhama entschied, ihm diese Informationen nicht sofort zu sagen. Nicht, weil sie ihn belügen wollte, sondern weil er zuerst überleben musste.
Sie hatte Angst, dass er aufgeben könnte, wenn er zu früh versteht, was auf ihn zukommt.
Diese Rolle war kaum auszuhalten: stark sein, Informationen tragen, nichts zeigen, hoffen, dass er weiterkämpft.
Den Kindern die Wahrheit dosieren
Den Kindern erzählte Iljhama, dass Papa Medikamente über Infusionen bekommt und deshalb im Krankenhaus bleiben muss.
Sie erzählte nicht, dass er in Lebensgefahr schwebte.
Sie erzählte auch nicht, wie schwer die Erkrankung wirklich war.
Sie wollte die Kinder schützen. Gleichzeitig fühlte sie sich allein mit Informationen, die kaum ein Mensch tragen kann.
Die Rückreise der Kinder
Iljhama merkte, dass die Situation im Ferienhaus nicht mehr tragbar war.
Sie konnte kaum essen, kaum kochen, kaum funktionieren. Ihre Gedanken waren bei Alessandro.
Sie hatte Angst, dass er sterben könnte und die Kinder ihren Vater nicht mehr richtig sehen würden. Sie hatte auch Angst vor ihren eigenen Gedanken in dieser Extremsituation.
Deshalb organisierte die Familie, dass die Kinder nach Deutschland zurückfliegen. Alessandros Vater und dessen Partnerin brachten sie zurück. In Deutschland wurden sie von der Schwiegermutter empfangen und versorgt.
Der ADAC und der Krankenrücktransport
Iljhama nahm in dieser Zeit Kontakt mit dem ADAC auf.
In der Folge wird erklärt, dass der ADAC bei medizinischen Notfällen im Ausland unterstützen kann – etwa bei der Arztsuche, der Abstimmung mit Kliniken und, wenn medizinisch sinnvoll und vertretbar, beim Krankenrücktransport nach Deutschland.
Wichtig: Ein Krankenrücktransport passiert nicht sofort. Zuerst muss der Patient stabil und transportfähig sein. Außerdem muss der Transport medizinisch sinnvoll und vertretbar sein. Dafür stimmen sich ärztliche Teams mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten vor Ort ab, prüfen medizinische Unterlagen und klären, welche Transportform möglich ist.
In der Folge wird außerdem darauf hingewiesen, dass eine ADAC-Plus-Mitgliedschaft den Krankenrücktransport abdecken kann, Krankenhauskosten im Ausland aber nicht automatisch abgesichert sind. Dafür braucht es eine Auslandskrankenversicherung. Vor Reisen lohnt es sich deshalb, den eigenen Auslandskrankenschutz zu prüfen.
Weitere Informationen zum ADAC:
https://www.adac.de/der-adac/ueber-uns-se/aktuelles/
https://www.adac.de/der-adac/ueber-uns-se/aktuelles/krankenruecktransport/
Zurück nach Deutschland
Als Alessandro transportfähig war, wurde er per ADAC-Krankenrücktransport nach Deutschland gebracht.
Iljhama durfte nicht mitfliegen, weil medizinisches Personal und Geräte an Bord waren. Sie musste selbst über andere Flugverbindungen zurückreisen.
Ein Freund von Alessandro holte sie in München ab und brachte sie ins Krankenhaus.
Iljhama hatte Alessandro versprochen, im Krankenhaus auf ihn zu warten. Als er dort ankam, sollte er sie als Erstes sehen.
Die erste Zeit in Deutschland
Im deutschen Krankenhaus hatte Iljhama leichter Zugang zu Alessandro.
Sie konnte ihn häufiger sehen, mit den Ärztinnen und Ärzten besser kommunizieren und verstand das medizinische Umfeld besser, weil sie selbst im Gesundheitswesen arbeitet.
Eine der ersten Fragen an Alessandro war, ob er Hunger habe. Er bekam wieder feste Nahrung.
Für Iljhama war selbst das ein besonderer Moment: Nach Tagen ohne richtiges Essen wieder zu sehen, dass ihr Mann essen konnte.
Die Hoffnung, dass doch ein Bein gerettet wird
Iljhama hoffte lange, dass nicht beide Beine amputiert werden müssen.
Bis kurz vor der Entscheidung gab es aus ihrer Sicht noch Hoffnung. Sie fühlte Fußpulse, hörte medizinische Einschätzungen und klammerte sich an die Möglichkeit, dass vielleicht ein Bein geschont werden könnte.
Dann kam die Nachricht: Es müssen doch beide Beine amputiert werden.
Iljhama beschreibt diesen Moment als Schlag ins Gesicht. Ihre Welt stürzte innerlich immer wieder ein und richtete sich wieder auf.
Die Amputation der Finger
Vor der Beinamputation wurden Alessandro bereits Finger amputiert.
Iljhama sagt, mit weniger Fingern könne man irgendwie leben und sich zurechtfinden.
Die Beine waren für sie eine andere Dimension – gerade wegen der Wohnsituation, der Treppen, der Kinder, des Alltags und der Frage, wie Alessandro wieder nach Hause kommen kann.
Die Vorstellung, ihrem Mann und ihren Kindern diese Realität zu erklären, war für sie kaum auszuhalten.
Wie sagt man Kindern, dass Papa seine Beine verliert?
Iljhama sagt, das sei die schwerste Mitteilung ihres Lebens gewesen.
Mit den zwei älteren Kindern sprach sie offen, weil es in der Familie eine Regel gibt: Auch schlimme Dinge werden ehrlich besprochen.
Für die drei jüngeren Kinder wusste sie zunächst nicht, wie sie es sagen soll.
Sie wollte nicht, dass eines der Kinder diese Nachricht an seinem Geburtstag erfährt. Gleichzeitig wollte Alessandros Sohn seinen Geburtstag im Beisein seines Vaters feiern.
Also mussten Iljhama und Alessandro einen Weg finden, es kindgerecht zu erklären.
Der Apfel, Iron Man und Roboterbeine
Iljhama und Alessandro erklärten den jüngeren Kindern die Amputation mit einem Bild.
Wenn ein Apfel faul ist, schneidet man den schlechten Teil weg, damit der gute Teil bleibt.
Dann erklärten sie, dass es Prothesen gibt. Dass Papa Roboterbeine bekommen kann. Dass er ein bisschen wie Iron Man sein wird.
Iljhama hatte sich vorher viele schlimme Reaktionen vorgestellt. Doch die Kinder reagierten in diesem Moment gefasster, als sie erwartet hatte.
Später weinten sie nachts und stellten viele Fragen. Aber in diesem ersten Moment zeigten sie eine Stärke, die Iljhama bis heute beeindruckt.
Wenn alle heimlich weinen
Iljhama sagt, dass in ihrer Familie viele Tränen geflossen sind.
Oft still und heimlich. So, dass die anderen es nicht mitbekommen.
Jeder versuchte, für die anderen stark zu sein. Die Kinder für die Eltern. Iljhama für die Kinder. Iljhama für Alessandro. Vielleicht auch Alessandro für alle anderen.
Diese Dynamik zeigt, wie stark Familien in Krisen funktionieren – und wie einsam dieses Funktionieren sein kann.
Den eigenen Mann ohne Beine sehen
Iljhama kämpft bis heute mit den Bildern.
Sie kannte Alessandro als Mann, der immer konnte. Der geholfen hat. Der Dinge reparierte, trug, organisierte, machte.
Plötzlich war er nicht einmal mehr in der Lage, sich allein auf die Seite zu drehen oder selbst zu trinken.
Iljhama wusch ihn, gab ihm Essen, half bei allem, was nötig war. Sie tat es gerne, weil er ihr Mann ist. Aber ihn so zu sehen, war für sie extrem schwer.
Sie sagt, sie vermisse nachts seine Beine. Sie traut sich teilweise noch immer nicht, ihm nachts nah zu kommen oder ihn anzufassen, weil dann die Realität wieder über sie hereinbricht.
Zurück in die Wohnung
Schon vor Alessandros Rückkehr nach Hause organisierte Iljhama vieles.
Sie kümmerte sich um Wohnraumberatung, sprach mit Fachfirmen und besorgte vorübergehend einen Treppensteiger über ein Sanitätshaus.
Die Wohnung selbst war auf einer Ebene weitgehend machbar. Das große Problem war der Zugang zur Wohnung.
Monatelang brachte Iljhama Alessandro mit dem Treppensteiger rauf und runter.
Die Angst, ihn fallen zu lassen
Alessandro ist ein erwachsener Mann. Auch wenn er abgenommen hatte, blieb die körperliche Belastung für Iljhama enorm.
Doch schwerer als das Gewicht war die Angst, ihn fallen zu lassen.
Jedes Mal, wenn sie den Treppensteiger benutzte, war sie extrem konzentriert. Sie durfte nicht schwach werden. Sie durfte keinen Fehler machen.
Für Iljhama war trotzdem klar: Hauptsache, Alessandro ist zu Hause. Hauptsache, er ist wieder bei ihnen.
Ein Zuhause ohne ihn war wie eine Beerdigung
Iljhama beschreibt die Wohnung ohne Alessandro als trostlos.
Seine Plätze waren leer. Die Wohnung hatte ihren Lebensgeist verloren. Es fühlte sich an wie eine Beerdigungsstimmung.
Deshalb war ihr alles andere zunächst egal: Organisation, Kraft, Gewicht, Belastung.
Sie wollte ihn zu Hause haben.
Zwischen Schichtdienst, Kindern und Versorgung
Iljhama arbeitete weiterhin im ambulanten Pflegedienst.
Zwischen Kunden, Schichten und Alltag fuhr sie immer wieder nach Hause, um Alessandro zu versorgen. Sie brachte die jüngste Tochter in den Kindergarten, kümmerte sich um die älteren Kinder, organisierte den Haushalt und machte bei Alessandro Verbandswechsel.
Diese Verbandswechsel dauerten teilweise über eine Stunde, weil die Wunden groß waren und mehrere Körperstellen betroffen waren.
Iljhama funktionierte.
Heute fragt sie sich selbst, wie sie das geschafft hat.
Panikattacken auf dem Weg ins Krankenhaus
Seit der Nachricht, dass beide Beine amputiert werden müssen, leidet Iljhama an Panikattacken.
Besonders auf dem Weg ins Krankenhaus konnte sie nicht an Alessandro denken und nicht über ihn sprechen, ohne in Panik zu geraten.
Einmal musste sie nach wenigen Kilometern anhalten, aussteigen, Luft holen und weiterfahren. Die Abstände wurden immer kürzer, bis sie sagte: Sie darf niemanden auf der Straße gefährden und selbst nicht ausfallen.
Sie holte sich Hilfe. Rettungskräfte halfen ihr, ihre Atmung zu regulieren, und sorgten dafür, dass sie wieder essen konnte.
Iljhama sieht Alessandro nicht als Pflegefall
Auf die Frage, ob sich die Ehe durch die Rollen als Pflegende und Pflegebedürftiger verändert habe, antwortet Iljhama klar: Sie sieht Alessandro nicht als Pflegefall.
Sie sieht ihn als ihren Ehemann.
Als den Mann, den sie vor über 20 Jahren kennengelernt hat. Als den Mann, mit dem sie ein Leben aufgebaut hat. Als den Vater ihrer Kinder.
Für Iljhama bedeutet Beziehung gerade auch, in schweren Zeiten füreinander da zu sein.
Was sie belastet, ist nicht, dass sie ihn versorgt. Was sie belastet, sind die Momente, in denen ihr Körper und ihr Kopf erneut begreifen: Seine Beine sind nicht mehr da.
Reha und der Moment, als Alessandro wieder stand
Als Alessandro in die Reha kam und Prothesen angepasst wurden, kam für Iljhama ein erster großer Moment der Erleichterung.
Als sie ihn zum ersten Mal wieder auf den Beinen sah, wusste sie: Jetzt kann es bergauf gehen.
Jeder Schritt, den er länger stehen oder weiter gehen konnte, war für sie ein Erfolg.
Die Familie ist noch nicht am Ziel. Aber sie ist in einer Trainings- und Verbesserungsphase, in der kleine Fortschritte wieder Hoffnung geben.
Die Kinder als unerwartete Stärke
Iljhama hat durch diese Zeit gelernt, wie stark Kinder sein können.
Viele ihrer eigenen Ängste vor Gesprächen mit den Kindern trafen nicht so ein, wie sie es sich ausgemalt hatte.
Die Kinder mussten weinen, sie stellten Fragen, sie litten. Aber sie verstanden und nahmen manches auf eine Weise an, die Erwachsene oft schwerer schaffen.
Für Iljhama sind ihre Kinder in dieser Geschichte nicht nur Schutzbedürftige, sondern auch Menschen mit eigener Stärke.
Keine Zukunftsperspektive mehr
Am Ende der Folge wird Iljhama gefragt, was sie sich für ihre persönliche Zukunft wünscht.
Ihre Antwort ist sehr ehrlich: Sie habe keine Wünsche und male sich nichts mehr aus.
Für sie gibt es aktuell keine klare Zukunftsperspektive mehr. Das klingt hart, aber es zeigt, wie tief die Erschütterung ist.
Iljhama lebt nicht in großen Zukunftsplänen, sondern in einem Alltag, der bewältigt werden muss.
Spendenaufruf für einen Außenaufzug
Alessandro braucht einen Außenaufzug, damit er barrierefrei in sein Zuhause kommt und mit seiner Familie wieder mehr Alltag leben kann.
Gerade dieser Punkt macht sichtbar, dass eine medizinische Krise nach dem Krankenhaus nicht vorbei ist. Sie geht zu Hause weiter: mit Treppen, Hilfsmitteln, Umbauten, Kosten, Organisation und der Frage, wie Familien wieder Teilhabe im Alltag ermöglichen können.
Hier geht es zum Spendenlink: https://www.gofundme.com/f/hoffnung-fur-unsere-familie-ein-aussenaufzug-fur-ein-selbst
Warum diese Folge so wichtig ist
Die Bonusfolge mit Iljhama ist wichtig, weil sie die Angehörigenperspektive sichtbar macht.
Alessandros Geschichte ist die Geschichte eines Mannes, der durch Meningokokken beide Beine und Finger verlor. Iljhamas Geschichte ist die Geschichte einer Frau, die diese Katastrophe von außen und innen zugleich tragen musste.
Sie musste Mutter sein, Ehefrau, Übersetzerin, Organisatorin, Pflegende, Krisenmanagerin, Ansprechpartnerin, Berufstätige und Mensch mit eigenen Ängsten.
Die Folge zeigt, dass Angehörige nicht am Rand einer Erkrankung stehen. Sie sind mittendrin.
Die Podcastfolge mit Iljhama ansehen oder anhören
Die vollständige Bonusfolge von Von Bohne zu Bohne mit Iljhama kannst du hier ansehen oder anhören:
- Iljhamas Geschichte auf YouTube ansehen
- Iljhamas Geschichte auf Spotify anhören
- Iljhamas Geschichte bei Apple Podcasts anhören
Fazit: Iljhamas Geschichte zeigt, was Angehörige in medizinischen Krisen tragen
Iljhama verlor nicht ihren Mann, aber sie verlor das alte Leben mit ihm.
Innerhalb weniger Tage wurde aus einem Familienurlaub ein Kampf um Alessandros Leben. Sie sah die schwarzen Flecken, hörte die Diagnose Meningokokken, musste Informationen tragen, die ihr Mann noch nicht hatte, schützte die Kinder, organisierte Rückreise, Krankenrücktransport, Krankenhausgespräche, Amputationsgespräche, Pflege und später den Alltag zu Hause.
Sie sieht Alessandro nicht als Pflegefall. Sie sieht ihn als ihren Ehemann. Doch genau diese Liebe macht die Bilder so schwer: der Mann, der immer konnte, plötzlich abhängig von Hilfe. Der Mann, dessen Beine sie nachts vermisst. Der Vater, dem sie gemeinsam mit den Kindern erklären musste, dass er Roboterbeine bekommen wird.
Diese Bonusfolge von Von Bohne zu Bohne ist ein intensives Gespräch über Meningokokken, Amputation, Ehe, Kinder, Pflege, Panikattacken, ADAC-Krankenrücktransport und die stille Stärke einer Frau, die selbst kaum Raum zum Zusammenbrechen hatte.
