Ralf Scharrer wurde durch Stalking in eine Abwärtsspirale gedrängt, die ihn bis in die Obdachlosigkeit führte. In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne erzählt er, wie aus einer harmlosen Urlaubsbekanntschaft schleichend Kontrolle, Angst, Beschimpfung, Verfolgung und schließlich der Verlust seines gesamten Besitzes wurden. Gleichzeitig ist seine Geschichte eine Geschichte von Lebenswillen, Liebe, Gerechtigkeit und dem Entschluss, anderen Stalking-Betroffenen zu helfen.
Hinweis: In diesem Artikel geht es um Stalking, psychische Gewalt, Obdachlosigkeit, Bedrohung, Scham, Suizidgedanken, Krankheit, juristische Auseinandersetzungen und emotionale Belastung.
Auf einen Blick
- Worum geht es in der Folge? Ralf Scharrer erzählt, wie Stalking sein Leben zerstörte, ihn in die Obdachlosigkeit brachte und ihn dennoch nicht brechen konnte.
- Was ist der zentrale Konflikt? Ralf wollte Grenzen setzen, Ruhe finden und sein Leben leben – doch die stalkende Person überschritt diese Grenzen immer wieder.
- Warum ist die Geschichte wichtig? Die Folge zeigt, dass Stalking jeden Menschen treffen kann und dass Scham, Ohnmacht und fehlende Hilfe Betroffene zusätzlich belasten.
Wer ist Ralf Scharrer?
Ralf Scharrer stellt sich in der Folge mit einer Geschichte vor, die kaum in einen einzigen Satz passt: Stalking zwang ihn in eine Abwärtsspirale bis zum Boden. Er wurde obdachlos, verlor in einer Nacht alles, stand an Bahngleisen und dachte daran, zu gehen.
Doch genau dort traf Ralf eine Entscheidung. Wenn er diese Situation überlebt, wollte er ein Buch schreiben, eine Organisation gründen, öffentlich werden und Menschen helfen, die Ähnliches erleben.
Heute spricht Ralf über Stalking, Scham, Überleben und den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Ein Kindheitstraum: Schauspieler werden
Ralf beginnt seine Geschichte nicht beim Stalking, sondern bei seiner Lebensfreude. Schon als Kind wollte er Schauspieler werden. Er liebte es, in Rollen zu schlüpfen, Figuren zu spielen, Applaus zu bekommen und auf der Bühne zu stehen.
Doch dieser Wunsch passte zunächst nicht zu dem, was als „vernünftiger Beruf“ galt. Ralf machte eine Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel in einem Reformhaus. Er liebte den persönlichen Kontakt, die Stammkundschaft, das Gespräch mit Menschen.
Diese Liebe zu Menschen beschreibt er als etwas, das trotz allem Schlimmen geblieben ist.
Mit 19 selbstständig: Naturfeinkost Scharrer
Schon mit 19 Jahren machte Ralf sich selbstständig. Er gründete Naturfeinkost Scharrer, einen Bio- und Naturkostladen, der an seinen kindlichen Kaufladen erinnerte – nur eben mit hochwertigen Produkten, Feinkost und echter Kundschaft.
Er startete mit hohen Schulden, arbeitete viel und verzichtete auf Partys, Clubs, Kneipen und Freizeit. Nach drei Jahren war er schuldenfrei.
Ralf war erfolgreich. Die Stadt wurde zu seiner Kundschaft, er belieferte Menschen, wurde eingeladen und war in seiner Umgebung bekannt. Gleichzeitig spürte er irgendwann, dass sich der Markt veränderte. Bio wurde größer, kommerzieller und weniger persönlich.
Nach sieben Jahren merkte Ralf: Da ist noch dieser alte Traum vom Schauspiel.
Neuanfang in Köln
Mit 25 verkaufte Ralf seinen Laden und zog nach Köln, um Schauspiel zu lernen. Er wollte nicht mit 88 im Schaukelstuhl sitzen und sich fragen, warum er es nie versucht hatte.
Der Anfang war nicht leicht. Er sprach Fränkisch und dachte, er spreche Hochdeutsch. Also arbeitete er mit einem Logopäden daran, seinen Dialekt zu reduzieren.
Für Ralf war Köln der Ort, an dem sein Kindheitstraum greifbar wurde. Er besuchte eine Schauspielschule, spielte Theater in Köln, Bonn und Düsseldorf und hatte das Gefühl, angekommen zu sein.
Die erste Begegnung mit der stalkenden Person
Die Person, die Ralf später stalkte, lernte er auf einem Kreuzfahrtschiff kennen. Es war zunächst eine Urlaubsbekanntschaft. Man begegnete sich an Bord, machte Ausflüge, führte Gespräche.
Ralf war damals jung, offen und stolz auf das, was er beruflich aufgebaut hatte. Er erzählte von seinem Laden und gab Dinge preis, die später gegen ihn verwendet wurden.
Heute sagt Ralf, er sei damals sehr naiv gewesen. Er habe gedacht, es gebe keine bösen Menschen.
Wichtig ist ihm aber auch: Nicht alles an dieser Person sei von Anfang an schlecht gewesen. Er fühlte sich zunächst verstanden. Genau das machte es später so schwer, die Entwicklung richtig einzuordnen.
Wie Stalking schleichend beginnt
Bei Ralf gab es keinen plötzlichen Moment, in dem ein Schalter umgelegt wurde. Das Stalking begann schleichend.
Lange nach der Kreuzfahrt tauchte die Person plötzlich in seinem Geschäft auf. Ralf erinnerte sich zunächst kaum noch richtig an sie. Er hatte als Geschäftsmann täglich mit vielen Menschen zu tun.
Dann wurden die Besuche häufiger. Die Abstände wurden kürzer. Aus gelegentlichem Kontakt wurde immer mehr Druck.
Ralf merkte irgendwann, dass er nicht einfach zufällig besucht wurde. Er fühlte sich verfolgt.
Telefonterror, Beschimpfungen und ständige Grenzüberschreitungen
Ralf hatte seine Geschäftsnummer auf sein privates Telefon weitergeleitet. Damals wusste er nicht, dass diese Nummer einmal gegen ihn verwendet werden würde.
Die Anrufe wurden immer häufiger. Erst alle paar Wochen, dann alle paar Tage, dann mehrfach am Tag und schließlich in extrem kurzen Abständen.
Wenn Ralf nicht ans Telefon ging, kamen Beschimpfungen. Er bekam Nachrichten, Briefe, Mails und Anrufe. Immer wieder wurde ihm vermittelt, er sei schuld, er sei der Böse, die andere Person reagiere nur so, weil er sich so verhalte.
Ralf beschreibt das rückblickend als eine Art Gehirnwäsche. Irgendwann begann er, an sich selbst zu zweifeln.
Wenn Grenzen nicht akzeptiert werden
Ralf versuchte, Grenzen zu setzen. Er sagte der Person sinngemäß, dass Freundschaft möglich sei, Gespräche und Ausflüge vielleicht, aber nicht mehr.
Die Reaktion war für ihn erschreckend: Die Person sprach von Paartherapie, obwohl es nie eine Beziehung gegeben hatte.
Für Ralf war das ein Moment, in dem klar wurde: Die Realität der anderen Person hatte mit seiner Realität nichts mehr zu tun.
Er wurde laut, schrie ins Telefon, legte auf. Danach fühlte er sich hilflos, weil er merkte, dass er sich selbst kaum wiedererkannte. So wollte er nicht kommunizieren. Aber die Situation trieb ihn immer weiter in die Enge.
Scham, Rückzug und das Gefühl, allein zu sein
Ralf sprach lange kaum über das, was ihm passierte. Er schämte sich. Er konnte sich kaum vorstellen, dass ihm jemand glauben würde.
Ein guter Freund bekam schließlich einen Wutausbruch der stalkenden Person mit. Doch selbst dann fiel der Satz, der viele Betroffene zusätzlich verletzt: Die Person sei doch sonst ganz nett.
Für Ralf zeigte sich darin ein weiteres Problem: Menschen, die stalken, können nach außen anders wirken als gegenüber der betroffenen Person. Genau das macht es für Betroffene so schwer, glaubhaft zu machen, was wirklich passiert.
Kein Wort für das, was passiert
Ralf hatte damals noch kein Wort für seine Erfahrung. Stalking kannte er nur aus Berichten über Prominente und „durchgeknallte Fans“. Dass es jeden treffen kann, wusste er nicht.
Er dachte nicht sofort an Polizei oder Anzeige. Auch später hatte er Angst, dass alles noch schlimmer wird, wenn er rechtliche Schritte einleitet.
Diese Angst beschreibt Ralf als typischen Fehler vieler Betroffener: Man traut sich nicht zur Polizei, weil man fürchtet, dass die stalkende Person danach noch gefährlicher wird.
Der Umzug nach Köln brachte keine Sicherheit
Ralf hoffte, mit seinem Umzug nach Köln Abstand zu gewinnen. Er begann ein neues Leben, kannte niemanden und lebte seinen Traum als Schauspieler.
Doch das Stalking ging weiter.
Die Person fand erneut Zugang zu ihm. Ralf beschreibt die Energie eines besessenen Menschen als grenzenlos: recherchieren, telefonieren, fragen, Kontakte nutzen, über Facebook oder alte Bekannte Informationen sammeln.
Für Ralf bedeutete das völlige Ohnmacht. Selbst in einer neuen Stadt war er nicht wirklich sicher.
Warum Ralf immer wieder nachgab
Ralf sagt offen, dass er immer wieder nachgab. Nicht, weil er den Kontakt wollte, sondern weil er seine Ruhe wollte.
Wenn er einem Treffen in sieben Wochen zustimmte, hatte er für sieben Wochen Ruhe. Keine Vorfreude, aber eine Pause vom Druck.
Genau darin liegt eine schmerzhafte Dynamik: Betroffene wirken nach außen manchmal widersprüchlich, weil sie Kontakt zulassen. Doch innerlich kann dieser Kontakt ein Versuch sein, Schlimmeres zu verhindern oder kurzfristig Ruhe zu bekommen.
Krankheit, Rückzug und ein gefährlicher Neubeginn
Später wurde Ralf schwer krank. Seine Leber war stark belastet, er hatte Gelbsucht und musste eine sehr harte Therapie durchstehen, die er als eine Art Chemotherapie beschreibt.
Er zog sich zu seiner Familie zurück, machte die Therapie dort und kapselte sich ab. In dieser Zeit hatte er keinen Kontakt zur stalkenden Person.
Als es ihm langsam besser ging, klingelte plötzlich das Telefon. Die Person hatte erfahren, dass Ralf krank war, weinte am Telefon und fragte, ob sie sich ein letztes Mal sehen könnten.
Ralf sagte ja, weil er verzeihen wollte. Heute nennt er dieses Treffen den größten Fehler seines Lebens. Danach begann alles wieder – nur stärker.
Die Wohnung in Köln und das erneute Vertrauen
Nach seiner Krankheit wollte Ralf zurück nach Köln. Er hatte wieder Energie, Pläne und ein Theaterengagement. Doch als Künstler nach langer Krankheit eine Wohnung zu finden, war schwierig.
Die stalkende Person bot Hilfe an: Ralf solle sich eine Wohnung aussuchen, die Person würde sie mieten.
Ralf glaubte der Aussage, dass sich die Person verändert habe und Therapie gemacht habe. Er wollte neu anfangen, richtete die Wohnung ein und freute sich auf einen neuen Lebensabschnitt.
Rückblickend wirkt diese Entscheidung riskant. Doch Ralf betont, dass sie nicht dumm war. Er habe geglaubt, was ihm gesagt wurde.
Die Drohung: Urlaub oder Wohnung verlieren
Als Ralf mit neuen Freunden in den Urlaub fahren wollte, eskalierte die Situation.
Die stalkende Person drohte, ihn aus der Wohnung zu werfen, wenn er nicht mit ihr in den Urlaub fahre. Ralf glaubte zunächst, das sei nur eine Drohung, um ihn wieder gefügig zu machen.
Er fuhr trotzdem mit seinen Freunden an die Nordsee. Es war für ihn eine schöne, unkomplizierte Zeit nach seiner Erkrankung.
Als er im September 2013 zurück nach Köln kam, fand er seine Wohnung leer vor.
Alles war weg
Ralf stand in einer besenreinen, leer geräumten Wohnung. Kein Tisch, kein Bett, keine Schuhe, kein Computer, keine Akten, keine Unterlagen, keine Versicherungsunterlagen, keine Waschmaschine, kein Trockner.
Auch der Keller war leer.
Alles, was er besessen hatte, war verschwunden. Ralf beschreibt es als 20 Jahre gelebtes Leben, das auf dem Müll gelandet war.
Er hatte Angst, dass die Person noch in der Wohnung sein könnte und ihn töten würde. Deshalb verließ er die Wohnung sofort.
Die Nacht, in der Ralf sich für die Obdachlosigkeit entschied
Ralf fuhr zum Rhein, an einen Ort, der ihm eigentlich guttat. Dort schrie er seine Verzweiflung heraus.
In dieser Nacht entschied er sich für die Obdachlosigkeit. Nicht, weil er draußen sein wollte, sondern weil er sich draußen sicherer fühlte als in der Wohnung.
Er hatte noch seinen Koffer aus dem Urlaub, sein Auto und etwa 3.000 Euro auf dem Konto. Der Rest seines Geldes steckte in der Wohnung und in den Dingen, die nun weg waren.
Die erste Nacht am Rhein war kalt und schaurig. Ralf dachte zunächst, er würde schnell wieder aus dieser Situation herauskommen. Doch es dauerte Monate.
Obdachlosigkeit, Scham und Überleben
Ralf erzählte niemandem von seiner Obdachlosigkeit. Nicht seiner Mutter, nicht seinem Vater, nicht seiner Großmutter.
Er schämte sich. Er hatte Angst, dass andere urteilen und sagen würden, er habe sein Leben nicht im Griff.
Dabei war es nicht fehlende Verantwortung, die ihn in diese Situation gebracht hatte. Es war das Vertrauen in eine Person, die ihn stalkte, manipulierte und schließlich alles zerstörte.
Ralf schlief am Rhein, im Auto, später auf Isomatte und im Zelt. Er merkte, wie Hygiene schwierig wurde und wie sehr sich sein Leben veränderte.
Die Suche nach Hilfe – und die nächste Enttäuschung
Irgendwann nahm Ralf seinen Mut zusammen und suchte Hilfe bei der Stadt. Er versuchte in wenigen Sätzen zu erklären, was passiert war.
Die Antwort, die er bekam, war für ihn niederschmetternd: ein Schlafplatz in einem Männerschlafsaal am Flughafen, nur für drei Nächte, zu einer festen Uhrzeit.
Für Ralf fühlte sich das wie Endstation an. Er konnte nicht fassen, dass sein Weg durch Stalking an diesem Punkt gelandet war.
Er entschied sich, einen Anwalt zu suchen und zu klagen.
Fitnessstudio als Zuflucht
Ralf meldete sich in einem Fitnessstudio an. Dort konnte er duschen und seine Wut in Training verwandeln.
Nach außen sah man ihm kaum an, was innerlich mit ihm los war. Tagsüber bewegte er sich durch Köln, abends trainierte er.
Einmal meldete sich die stalkende Person noch telefonisch und sagte sinngemäß: „Siehst du, wo du jetzt gelandet bist.“
Ab diesem Moment ging Ralf nie wieder ans Telefon.
Der Moment an den Bahngleisen
In einer besonders verzweifelten Phase stand Ralf an Bahngleisen und dachte daran, einfach zu gehen.
Er hatte keine Hilfe, keine Perspektive, wenig Geld und sehr viel Scham. Doch er entschied sich dagegen.
Er dachte an den Zugführer, an die Menschen in der Bahn, an diejenigen, die nichts dafür konnten. Und er wollte der stalkenden Person nicht diesen letzten Sieg geben.
In diesem Moment schwor er sich: Wenn er das überlebt, wird er ein Buch schreiben, eine Organisation gründen und Menschen helfen, die Ähnliches erleben.
Die Begegnung mit Dave
Im Fitnessstudio begegnete Ralf einem Mann, den er sofort bemerkte. Er beschreibt ihn liebevoll als seinen „deutschen George Clooney“.
Die beiden kamen ins Gespräch. Zunächst zeigte Ralf sich von seiner starken Seite und erzählte nicht sofort, was wirklich los war.
Beim zweiten Treffen in einem Café nahm Ralf seinen Mut zusammen und erzählte seine ganze Geschichte. Er sagte, wenn das zu viel sei, könne sich der Mann in einem halben Jahr wieder melden.
Die Antwort veränderte Ralfs Leben: Er solle seine Sachen am Rhein packen und zu ihm kommen. Er mache ihm eine Schublade frei.
Ralf kam – und ging nie wieder.
Vertrauen neu lernen
Nach allem, was passiert war, war es für Ralf nicht leicht, wieder jemandem zu vertrauen.
Dave wurde zu seinem Partner, Verlobten, Manager, Verleger, Bodyguard, Personaltrainer und wichtigsten Menschen an seiner Seite.
Er half Ralf auch dabei, kleine Schritte zurück in ein sichereres Leben zu gehen. Ein Beispiel: das Handy liegen lassen können, wenn man ins Badezimmer geht. Für Ralf war das Handy lange sein einziges Stück Kontrolle und Sicherheit.
Dave blieb. Er glaubte Ralf. Und genau dieses Geglaubtwerden wurde für Ralf entscheidend.
Der Prozess um die leer geräumte Wohnung
Ralf ging juristisch gegen die sogenannte Kalträumung vor. Es ging dabei nicht um unbezahlte Miete, sondern um den Verlust seines Eigentums.
Der Weg war mühsam. Ralf musste beweisen, was ihm gehört hatte, was wann gekauft worden war und welchen Wert die Dinge hatten.
Er beschreibt diese Phase als weiteren Spießrutenlauf. Doch am Ende gewann er den Prozess.
Zum ersten Mal erlebte er Gerechtigkeit. Für Ralf fühlte sich das an wie eine Belohnung fürs Durchhalten.
Warum Ralf öffentlich wurde
Nach dem gewonnenen Prozess wollte Ralf das Versprechen einlösen, das er sich an den Bahngleisen gegeben hatte.
Er wollte schreiben. Nicht, um jemanden an den Pranger zu stellen, sondern um sichtbar zu machen, was Stalking innerlich mit einem Menschen macht.
Ralf wollte ein Tabu brechen. Er hatte selbst erlebt, wie sehr Stalking belächelt, romantisiert oder nicht ernst genommen wird – besonders, wenn ein Mann betroffen ist.
Sein Ziel war, anderen Mut zu machen und gesellschaftlich etwas zu bewegen.
Das Buch: „Dem Wahnsinn entkommen“
Der Weg zum Buch war nicht einfach. Ursprünglich wollte Ralf autobiografisch schreiben, anonymisiert und dennoch authentisch.
Doch es kam zu rechtlichen Auseinandersetzungen. Teile des Buches wurden angegriffen, es ging um angebliche Erkennbarkeit und Persönlichkeitsrechte.
Ralf gab nicht auf. Stattdessen entwickelte er aus vielen echten Geschichten eine neue Geschichte – inspiriert von wahren Erlebnissen.
So entstand „Dem Wahnsinn entkommen – ein Stalkingroman“. Weil kein Verlag gefunden wurde, gründeten Ralf und Dave ihr eigenes Verlagshaus, um das Buch in die Welt zu bringen.
14 Tage Gefängnis als Zeichen
Später kam es zu einer Situation, in der Ralf wegen Interviews und rechtlicher Folgen vor einer Geldstrafe stand, die er nicht zahlen wollte.
Für ihn wäre selbst ein Euro eine Art Verrat gewesen, weil er nicht still bleiben wollte.
Deshalb entschied er sich, freiwillig ins Gefängnis zu gehen. 14 Tage.
Ralf sagt klar: Es waren 14 Tage zu viel. Jede Stunde dort fühlte sich für ihn falsch an. Gleichzeitig nutzte er selbst diese Zeit, um zu schreiben, Eindrücke festzuhalten und das Erlebte in etwas zu verwandeln, das anderen helfen kann.
Aktiv gegen Stalking
Aus Ralfs Versprechen wurde konkrete Hilfe. Er gründete die Organisation Aktiv gegen Stalking in Köln.
Dort unterstützt er Menschen, die selbst von Stalking betroffen sind. Er spricht über Fälle, in denen Betroffene oft lange schweigen, Flyer monatelang in der Handtasche tragen und sich nicht trauen, Hilfe zu suchen.
Scham spielt für ihn eine große Rolle. Viele Betroffene haben Angst, ausgelacht, nicht ernst genommen oder als übertrieben abgestempelt zu werden.
Ralf wünscht sich mehr Aufklärung, mehr Toleranz und einen herzlicheren Umgang mit Opfern.
Was Ralf Betroffenen rät
Ralf gibt in der Folge auch konkrete Hinweise für Menschen, die glauben, gestalkt zu werden.
- Grenze klar kommunizieren: Wer keinen Kontakt möchte, sollte das einmal eindeutig sagen oder schriftlich mitteilen.
- Beweise sammeln: Danach sollte dokumentiert werden, wann was passiert – zum Beispiel in einem Stalking-Tagebuch.
- Hilfe suchen: Betroffene sollten nicht warten, bis alles eskaliert, sondern sich frühzeitig Unterstützung holen.
Ralf betont, dass Anzeigen auch dann wichtig sein können, wenn sie zunächst im Sand verlaufen. Sie können Teil einer späteren Dokumentation sein.
Außerdem bietet seine Organisation Austausch, geschützte Räume und Selbstverteidigungskurse an – nicht als Gewalttraining, sondern um Sicherheit und Selbstvertrauen zurückzugeben.
Der Duft „Stalker“
Ein ungewöhnlicher Teil von Ralfs Geschichte ist sein Parfum mit dem Namen „Stalker“.
Der Gedanke dahinter: Aus etwas Schlechtem etwas Gutes machen. Ralf beschreibt den Duft mit dem Satz: „Der einzige Duft, der dir folgen darf.“
Für ihn steckt in diesem Parfum ein Teil seines Lebens. Es enthält Erinnerungen an schöne Momente, an Gerüche, an Natur, an Lebensfreude und an das Gefühl, überlebt zu haben.
Auch darin zeigt sich, wie Ralf mit seiner Geschichte umgeht: Er lässt sie nicht verschwinden, aber er verwandelt sie.
Wie Ralf heute lebt
Heute sagt Ralf, dass es ihm gut geht. Er lebt nicht mehr in Angst. Er ist wieder der alte Ralf – und gleichzeitig stärker als zuvor.
Er arbeitet als Schauspieler, Buchautor, Radiomoderator, Designer und engagiert sich zusätzlich ehrenamtlich gegen Stalking.
Er sagt, dass er jeden Tag feiert, als wäre es eine Hochzeit. Diese Haltung kommt nicht aus Oberflächlichkeit, sondern aus seiner Geschichte.
Er weiß, wie es ist, alles zu verlieren. Und gerade deshalb entscheidet er sich heute bewusst für Schönheit, Lebensfreude und Sichtbarkeit.
Warum diese Folge so wichtig ist
Die Folge mit Ralf Scharrer ist wichtig, weil sie zeigt, wie zerstörerisch Stalking sein kann.
Stalking ist nicht romantisch. Es ist kein hartnäckiges Werben, keine große Liebe und keine harmlose Grenzüberschreitung. Es kann Menschen isolieren, verunsichern, beschämen, bedrohen und existenziell zerstören.
Ralf verlor durch Stalking seine Wohnung, seinen Besitz, seine Sicherheit und zeitweise den Glauben daran, dass ihm geholfen wird.
Gleichzeitig zeigt seine Geschichte, dass es Wege zurück geben kann: durch Menschen, die glauben, durch juristische Schritte, durch Öffentlichkeit, durch Mut und durch den Entschluss, nicht liegen zu bleiben.
Die Podcastfolge mit Ralf Scharrer ansehen oder anhören
Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Ralf Scharrer ist verfügbar. Die Links findest du hier:
- Ralf Scharrers Geschichte auf YouTube ansehen
- Ralf Scharrers Geschichte auf Spotify anhören
- Ralf Scharrers Geschichte bei Apple Podcasts anhören
Fazit: Ralf Scharrers Geschichte zeigt, warum Stalking ernst genommen werden muss
Ralf Scharrer war ein lebensfroher, erfolgreicher, kreativer Mensch, der an das Gute glaubte. Genau diese Offenheit wurde ausgenutzt.
Aus einer Urlaubsbekanntschaft wurde ein schleichender Prozess aus Kontrolle, Druck, Beschimpfung, Verfolgung und Angst. Am Ende stand Ralf in einer leer geräumten Wohnung, verlor seinen Besitz und entschied sich aus Sicherheitsgründen für die Obdachlosigkeit.
Doch Ralf blieb nicht dort. Er fand Hilfe, gewann einen Prozess, schrieb ein Buch, gründete eine Organisation und nutzt seine Geschichte heute, um anderen Betroffenen Mut zu machen.
Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist ein eindringliches Gespräch über Stalking, Scham, Ohnmacht, Überleben und den starken Wunsch, aus persönlichem Leid gesellschaftliche Veränderung entstehen zu lassen.
