Finja: Wie die Trennung ihrer Eltern zu Borderline, Anorexie und dem Kontaktabbruch zum Vater führte

Finja war ungefähr elf Jahre alt, als sich ihre Eltern trennten. Bis dahin beschreibt sie ihre Kindheit als behütet, liebevoll und unauffällig. Doch mit der Trennung veränderte sich ihr Leben grundlegend. In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne erzählt Finja, wie sie ihren Vater plötzlich nicht mehr wiedererkannte, wie sie zwischen den Eltern zum emotionalen „Sorgenfresser“ wurde und wie daraus psychische Erkrankungen wie Borderline und Anorexie entstanden.

Hinweis: In diesem Artikel geht es um Trennung der Eltern, emotionalen Missbrauch, sexualisierte Gewalt an Minderjährigen im familiären Umfeld, Selbstverletzung, Essstörung, Borderline, Suizidgedanken, Suizidversuche, Klinikaufenthalte und belastende Familiensituationen. Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Themen sicher fühlst.

Auf einen Blick

  • Worum geht es in der Folge? Finja erzählt, wie die Trennung ihrer Eltern ihr Sicherheitsgefühl zerstörte und sie psychisch schwer belastete.
  • Was ist der zentrale Konflikt? Aus dem Vater, den sie kannte, wurde für sie ein fremder, unberechenbarer Mensch, den sie später nur noch als Erzeuger bezeichnet.
  • Warum ist die Geschichte wichtig? Die Folge zeigt, wie stark Kinder unter emotionaler Überforderung, Parentifizierung, Loyalitätskonflikten und fehlendem Schutz leiden können.

Wer ist Finja?

Finja stellt sich in der Folge mit einem sehr klaren Satz vor: Sie hat durch die Trennung ihrer Eltern verschiedene psychische Erkrankungen entwickelt, darunter Borderline und Anorexie.

Ihre Geschichte beginnt nicht mit einer auffälligen oder gewaltvollen Kindheit. Im Gegenteil: Finja beschreibt die Zeit vor der Trennung als behütet. Sie fühlte sich emotional grundsätzlich gut versorgt, hatte zu beiden Elternteilen eine Bindung und konnte sich holen, was sie brauchte.

Wenn sie Nähe wollte, ging sie eher zu ihrer Mutter. Wenn sie toben oder raufen wollte, war ihr Vater da. Dieses Bild zerbrach kurz vor ihrem elften Geburtstag.

Eine behütete Kindheit vor der Trennung

Finja wuchs zunächst als Einzelkind auf, später kam ihre Schwester dazu. Sie beschreibt ihre Kindheit vor der Trennung als schön, ruhig und unauffällig.

Zu ihrer Mutter hatte sie eine liebevolle Beziehung, die auch nach der Trennung grundsätzlich bestehen blieb. Ihre Mutter war für sie erreichbar, unterstützend und schützend.

Auch zu ihrem Vater hatte Finja in der Kindheit zunächst eine Beziehung, die sich für sie nicht bedrohlich anfühlte. Rückblickend sagt sie zwar, dass emotionale Themen vielleicht nie seine größte Stärke waren, aber sie kannte ihn nicht als den Menschen, der er nach der Trennung wurde.

Der Moment, in dem alles kippte

Finja kam eines Tages von der Schule nach Hause. Kurz darauf kam ihr Vater dazu. Normalerweise hätte es eine Begrüßung gegeben, vielleicht eine Umarmung, ein Gespräch über den Tag.

Stattdessen hielt er ihr eine WhatsApp-Nachricht ihrer Mutter ins Gesicht. Darin stand sinngemäß, dass ihre Mutter über die Ehe sprechen wolle. Für Finjas Vater war daraus sofort: „Deine Mutter will sich von mir trennen.“

Finja erinnert sich daran, dass sie weinend auf der Couch lag und von ihm nicht getröstet wurde. Stattdessen habe er nachgestichelt und ihr vermittelt, dass ihre Mutter schuld sei.

Für Finja war das der erste Moment, in dem ihr Vater sich wie ein anderer Mensch anfühlte.

Von heute auf morgen ein fremder Mensch

Finja sagt, ihr Vater habe sich ab diesem Punkt 180 Grad verändert. Das Verhalten, das vorher nicht normal für ihn gewesen sei, wurde plötzlich normal.

Er konnte ihre Gefühle nicht auffangen. Er stellte nicht ihr kindliches Erleben in den Mittelpunkt, sondern seine eigene Verletzung.

Für ein elfjähriges Kind bedeutete das: Die Trennung war nicht nur der Verlust einer Familienform, sondern auch der Verlust des vertrauten Vaters.

Aus dem Vater wurde für Finja mit der Zeit der „Erzeuger“ – ein Begriff, der zeigt, wie stark sich ihre innere Beziehung zu ihm verändert hat.

Das Wechselmodell zwischen zwei Welten

Nach der Trennung lebte Finja mit ihrer Schwester zunächst im Wechselmodell. Von Montag zu Montag wechselten die beiden zwischen Mutter und Vater.

Anfangs fand Finja das noch machbar. Ihre Mutter zog in ein Dorf weiter und bemühte sich, die neue Wohnung so schön wie möglich einzurichten. Finja hatte dort ein eigenes Zimmer, ihre Schwester teilte sich zunächst ein Zimmer mit der Mutter.

Auch zwischen den Wochen wechselte Finja mal hin und her, holte Sachen ab oder schaute kurz vorbei. Es wirkte zunächst relativ unkompliziert.

Doch emotional wurde der Wechsel immer schwieriger.

Geschenke, Unternehmungen und der Versuch, Nähe zu kaufen

Finjas Vater schrieb viele Nachrichten und wollte auch in der Woche der Mutter Dinge mit den Kindern unternehmen.

Er bot Aktivitäten an, von denen er wusste, dass Finja sie mochte: Schlittschuhlaufen, Baggerfahren auf einer Baustelle, größere Geschenke wie ein Trampolin.

Finja ordnet das heute differenziert ein. Sie glaubt, dass er sich durchaus Gedanken machte. Gleichzeitig merkte sie später, dass finanzielle Mittel und besondere Erlebnisse auch dazu dienten, sie stärker an ihn zu binden.

Je mehr Finja versuchte, sich innerlich von ihm zu lösen, desto stärker fühlte sich dieses Überschütten für sie manipulativ an.

Finja als Sorgenfresser

Der entscheidende Bruch entstand für Finja dadurch, dass ihr Vater sie emotional zwischen sich und ihre Mutter stellte.

Er beschwerte sich bei Finja über ihre Mutter, beleidigte sie teilweise und erzählte Dinge, die sich später als Lügen herausstellten. Er sagte sinngemäß, ihre Mutter habe ihm Geld gestohlen, ihm alles weggenommen und ihn ruiniert.

Auch der Familienhund wurde Teil dieser Dynamik. Finja erzählt, dass ihr Vater vermittelt habe, er müsse den Hund oder das Haus verkaufen, weil ihre Mutter ihm alles genommen habe – und dass sich das ändern könne, wenn Finja bei ihm bleibe.

Damit wurde Finja nicht mehr als Kind gesehen, sondern als emotionale Stütze, Vermittlerin und Verantwortungsträgerin.

Wenn ein Kind nicht mehr Kind sein darf

Finja sagt deutlich: Sie fühlte sich nicht mehr wie ein Kind. Sie musste sehr schnell groß werden.

Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, Verantwortung für ihre jüngere Schwester übernehmen zu müssen. Sie wollte sie schützen und ihr emotional geben, was sie selbst kaum noch bekam.

Zur gleichen Zeit musste Finja den Schulwechsel bewältigen. Sie war eigentlich eine gute Schülerin, hatte aber kaum noch Kapazität für Schule, Hobbys und Alltag.

Die Trennung war nicht nur eine familiäre Veränderung. Für Finja war sie ein kompletter Sicherheitsverlust.

Der Vater, den sie nicht mehr kannte

Finja beschreibt ihren Vater nach der Trennung als fremde Person. Es habe nur selten noch Momente gegeben, in denen es sich wie früher anfühlte.

Auch äußerlich veränderte er sich, verlor Haare, wirkte für sie anders. Der Mensch, mit dem sie zusammenlebte, hatte immer weniger mit dem Vater aus ihrer Kindheit zu tun.

Dieses Fremdheitsgefühl wurde später noch stärker, als Finja zufällig etwas herausfand, das für sie den endgültigen Schlussstrich bedeutete.

Die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen

Kurz vor Silvester 2018 auf 2019 fand Finja zufällig heraus, dass ihr Vater wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen angeklagt war.

Für Finja war das der Punkt, an dem sie sagte: Bis hierhin und nicht weiter.

Sie wollte nicht mehr zu diesem Mann gehen. Sie kannte ihn nicht mehr, hatte Angst vor ihm und empfand ihn als unberechenbar.

Die betroffene Person stammte aus Finjas Familie und stand ihr nah. Finja hatte schon vorher mitbekommen, dass diese Person plötzlich weggebrochen war. Ihr Vater hatte das anders erklärt. Als Finja die Anklage sah, setzte sie die Puzzleteile zusammen.

Angst, Zweifel und die Frage nach der Wahrheit

Finja fühlte sich hilflos und aufgeschmissen. Seit der Trennung war viel Sicherheit weggebrochen. Nun verlor sie auch den letzten Rest Vertrauen in ihren Vater.

Sie fragte sich, wozu er imstande sei. Obwohl er ihr gegenüber nie körperlich gewalttätig geworden war, kam erstmals der Gedanke auf: Muss ich Angst vor ihm haben?

Anfangs war Finja offen für verschiedene Möglichkeiten. Doch die Reaktionen der betroffenen Person und ihrer Mutter ließen für sie immer weniger Zweifel zu.

Ein Therapeut stellte später sogar die Frage in den Raum, was wäre, wenn alle sie anlügen würden. Das verunsicherte Finja zusätzlich. Rückblickend sagt sie aber, dass sie nicht glaubt, belogen worden zu sein.

Das geschützte Gespräch im Jahr 2021

Jahre später, 2021, führte Finja noch einmal ein Gespräch mit ihrem Vater. Es fand in einem geschützten Rahmen mit ihrer Schulsozialarbeiterin statt.

Dort konfrontierte sie ihn mit dem Vorwurf. Nach Finjas Schilderung gab er es zu.

Für Finja fiel in diesem Moment ein Stein vom Herzen. Nicht, weil es gut war, sondern weil sie Bestätigung bekam: Ihre Entscheidung, nicht mehr zu ihm zu gehen, war richtig.

Gleichzeitig kamen Schuldgefühle hoch. Sie wusste, dass das Geschehene in ihrer Nähe passiert sein musste. Sie fragte sich, ob sie etwas hätte mitbekommen oder verhindern können.

Rechtlich wurde ihr Vater nach ihrer Schilderung nicht belangt. Es habe an Beweisen gefehlt, es sei Aussage gegen Aussage gewesen und später sei es verjährt gewesen.

Der Kontaktabbruch zum Vater

Nachdem Finja nicht mehr zu ihrem Vater wollte, übernahm ihre Mutter die Kommunikation. Sie schrieb ihm, dass Finja nicht mehr hingehen möchte.

Für Finja war ihre Mutter in dieser Phase ein Schutzschild.

Der Kontaktabbruch war nicht nur ein Schritt weg von einem Elternteil. Er war der Versuch, sich selbst zu schützen.

Bis heute gibt es für Finja keine liebevollen Worte, die sie an ihn richten möchte. Gleichzeitig sagt sie, dass sie ihm wünscht, mit sich selbst Frieden zu schließen. Vor allem aber hofft sie, dass er wegzieht, sie in Ruhe lässt und auch keine Probleme mehr mit ihrer Schwester macht.

Die Sorge um die Schwester

Finjas Schwester ging noch länger zu ihrem Vater. Finja und ihre Mutter hatten Sorge, konnten aber wenig ausrichten.

Sie standen immer wieder mit dem Jugendamt in Kontakt. Finja sagt, ihnen sei nicht wirklich geglaubt worden, vieles sei herabgestuft worden.

Sie berichtet von Hinweisen auf Vernachlässigung: pflegebedürftiges Haar, um das sich nicht gekümmert worden sei, seltenes Zähneputzen, die Brille, die kaum getragen wurde, fehlende Unterstützung für die Schule und Probleme während der Corona-Zeit im Homeschooling.

Trotz handfester Hinweise änderte sich nach Finjas Erleben wenig. Ihre Schwester fühlte sich beim Vater zunächst wohl, auch weil sie dort viel Aufmerksamkeit und finanzielle Zuwendung bekam.

Die betroffene Person in der Familie

Mit der betroffenen Person sprach Finja nicht direkt über die Tat. Diese Person brach später den Kontakt zur Familie ab.

Finja findet das traurig, akzeptiert es aber. Sie kann sich zumindest ansatzweise vorstellen, wie schwer es gewesen sein muss, weiter mit der Familie in Kontakt zu bleiben.

Es gab Gespräche über gemeinsame Themen wie Selbstverletzung und Suizidgedanken. Über die Tat selbst sprachen sie nicht.

Finja wünscht dieser Person von Herzen, dass es ihr besser geht.

Selbstverletzung und Essstörung als Kontrolle

Nach dem Verlust von Sicherheit suchte Finja nach Mechanismen, die ihr wieder Kontrolle gaben.

Dazu gehörten Selbstverletzung und die Essstörung. Finja beschreibt, dass diese Rituale ihr Sicherheit vermittelten.

Sie erinnert sich noch an ihre erste Selbstverletzung und sagt, dass ihr das junge Ich von damals heute leidtut. Sie weiß heute, dass daraus über die Jahre eine Sucht wurde.

Auch die Anorexie hatte für sie eine Funktion. Sie beschreibt sie als Wunsch, weniger zu werden, unsichtbarer zu sein und niemanden zu belasten.

Mit zwölf Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Finja war mit zwölf Jahren zum ersten Mal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Sie sagt, dass es sich dadurch zunächst nicht verbessert habe. Nicht, weil Hilfe grundsätzlich falsch war, sondern weil sie am Anfang gar nicht wirklich gesund werden wollte.

Die Krankheit gab ihr das Gefühl von Sicherheit, das sie zu Hause nicht mehr spüren konnte. Die Rituale wurden zu einem inneren Gefängnis, in dem sie sich paradoxerweise wohlfühlte.

Über die Jahre wurde Finja zur „Drehtürpatientin“. Die Klinik wurde zu einer Art zweitem Zuhause, weil sie dort wusste, was sie erwartet.

Borderline und Anorexie

Mit 18 bekam Finja während eines Aufenthalts in einer Fachklinik die Borderline-Diagnose.

Sie hatte gehofft, dass dieser Aufenthalt ihr hilft. Doch aus ihrer Sicht kam nicht das heraus, was sie gebraucht hätte. Danach fühlte sie sich hoffnungslos.

Sie wollte es ohne Therapie schaffen, eine Ausbildung beginnen, Geld verdienen und endlich ein „richtiges“ Leben starten. Doch das Totschweigen funktionierte nicht.

Immer wieder kam es zu Kriseninterventionen, geschlossenen Klinikaufenthalten und Phasen, in denen Selbstverletzung oder Anorexie stärker wurden.

Wie Finja Borderline erlebt

Finja beschreibt Borderline nicht nur über bekannte Vorurteile, sondern als Spektrum. Es gebe auch eine stille Seite, die nicht immer sichtbar sei.

Sie sagt, dass sie selbst oft nicht wusste, was in ihr passiert. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, andere würden erwarten, dass sie ihre Gefühle genau beschreiben kann.

Im Alltag zeigen sich bei ihr intensive Emotionen. Ein Blick, ein Satz oder eine kleine Missverständlichkeit können innere Alarmglocken auslösen.

Wut, Trauer und andere Gefühle fühlen sich dann sofort sehr stark an. Gleichzeitig zieht sie sich eher zurück, wird still, möchte unsichtbar werden und kann oft erst später erklären, was passiert ist.

Warum Rückzug nicht Gleichgültigkeit bedeutet

Wenn Finja emotional überfordert ist, zieht sie sich zurück. Sie sagt dann vielleicht, dass alles okay sei oder dass sie nur Zeit für sich brauche.

Erst später kann sie ins Gespräch gehen. Vorher ist innerlich zu viel los.

Für Außenstehende kann das schwer zu verstehen sein. Finja wünscht sich deshalb Geduld: Betroffene nicht stressen, aber auch nicht vergessen. Nicht jede ausbleibende Nachricht bedeutet Gleichgültigkeit.

Sie beschreibt es als Krieg im Kopf. Und genau deshalb sei es wichtig, Impulsivität nicht automatisch persönlich zu nehmen – auch wenn Betroffene weiterhin Verantwortung für ihr Verhalten tragen.

Der schwere Suizidversuch im März

Im März des Vorjahres hatte Finja einen schweren Suizidversuch. Seitdem ist sie nicht arbeitsfähig.

Sie versuchte zwar, wieder zu funktionieren, aber es gelang nicht. Ihr Umfeld, besonders ihre Mutter, merkte, dass es so nicht weitergehen konnte.

Finja spricht offen darüber, ohne es zu dramatisieren. Der Versuch markiert einen weiteren Tiefpunkt, aber auch einen Punkt, an dem klar wurde: Sie braucht einen anderen Weg.

Dieser Weg führt für sie wieder in die Klinik und in die Traumatherapie.

Traumatherapie und der Wunsch, gesünder zu leben

Finja plant, den Klinikaufenthalt fortzuführen und dort auch die Traumatherapie weiterzumachen.

Sie sagt nicht, dass sie glaubt, jemals vollständig gesund zu sein. Ihr Ziel ist vielmehr, gesünder mit sich umzugehen und leben zu können.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Finja formuliert kein perfektes Happy End, sondern einen Weg: weniger zerstörerisch, stabiler, bewusster.

Sie möchte dieses Jahr möglichst unbelastet ins Berufsleben starten.

Neue Kontrolle: Struktur, Hobbys und ein Ausbildungsplatz

Finja hat begonnen, Kontrolle anders zu verstehen.

Früher gaben ihr Selbstverletzung und Essstörung Kontrolle. Heute versucht sie, Kontrolle über Struktur, Alltag und bewusste Entscheidungen zu erleben.

Sie sagt selbst, dass sie darin noch kein Profi ist. Sie hat viel theoretisches Wissen, aber die Umsetzung fällt oft schwer.

Trotzdem gibt es Dinge, die ihr Stabilität geben:

  • den eigenen Alltag wieder strukturieren,
  • Hobbys bewusst für sich selbst ausüben,
  • ein stabiles Umfeld aufbauen,
  • einen Ausbildungsplatz haben,
  • langfristig zu wissen: Es kommt etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Gerade dieses Wissen um Zukunft hilft ihr auch im Hier und Jetzt.

Sport, Essstörung und Vorsicht

Finja spricht auch darüber, dass Sport und Essstörung ein sensibles Thema sind.

Sport kann Struktur und Selbstbestimmung geben, aber bei einer Essstörung auch riskant werden, wenn er wieder Teil von Kontrolle, Zwang oder Selbstbestrafung wird.

Finja beschreibt deshalb vorsichtig, dass sie aktuell aktive Entscheidungen für sich treffen möchte, ohne in alte Muster zu fallen.

Auch hier zeigt sich: Es geht nicht um schnelle Heilung, sondern um achtsames Üben.

Was Finja über Borderline sagen möchte

Finja wünscht sich, dass Menschen Borderline differenzierter sehen.

Die Erkrankung ist für sie nicht nur das, was man in Suchmaschinen oder Vorurteilen findet. Es gibt auch eine stille Form, Rückzug, Überforderung und das Gefühl, sich selbst nicht erklären zu können.

Sie bittet um Geduld, weniger Druck und mehr Verständnis dafür, dass Betroffene manchmal nicht alltagsfähig oder gesellschaftsfähig sind.

Gleichzeitig sagt sie klar: Man sollte nicht alles auf die Krankheit schieben. Menschen bleiben verantwortlich für ihre Taten. Aber es hilft, manches nicht sofort persönlich zu nehmen.

Warum diese Folge so wichtig ist

Die Folge mit Finja ist wichtig, weil sie zeigt, wie tiefgreifend eine Trennung für Kinder sein kann, wenn Erwachsene ihre Verletzung ungefiltert an ihnen auslassen.

Finja musste Dinge tragen, die nicht zu ihr gehörten. Sie wurde emotional in Konflikte hineingezogen, fühlte sich verantwortlich, verlor Sicherheit und konnte irgendwann kaum noch Kind sein.

Ihre Geschichte zeigt auch, wie komplex psychische Erkrankungen entstehen und wirken können. Selbstverletzung, Anorexie und Borderline waren für Finja nicht einfach „Symptome“, sondern zunächst Überlebensstrategien, die ihr Kontrolle gaben, als sie keine andere Sicherheit mehr hatte.

Gerade deshalb ist es wichtig, Betroffene nicht auf Diagnosen zu reduzieren. Hinter jeder Diagnose steht eine Geschichte.

Die Podcastfolge mit Finja ansehen oder anhören

Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Finja ist verfügbar unter: 

Hinweis zur Unterstützung durch Nummer gegen Kummer

Diese Folge wird von der Nummer gegen Kummer unterstützt. Wenn du dich in einer belastenden Familiensituation befindest und nicht weißt, an wen du dich wenden kannst, findest du dort anonyme, kostenlose und vertrauliche Unterstützung.

Junge Menschen bis 27 Jahre erhalten unter 116 111 sowie per Mail oder Chat Unterstützung. Eltern und andere Bezugspersonen erreichen geschulte Beratungspersonen unter 0800 111 0550. Weitere Informationen gibt es unter www.nummergegenkummer.de.

Fazit: Finjas Geschichte zeigt, was passiert, wenn Kinder zu viel tragen müssen

Finja war ein Kind, das vor der Trennung ihrer Eltern Sicherheit kannte. Danach wurde aus ihrem Vater ein Mensch, den sie nicht mehr wiedererkannte.

Sie wurde in Erwachsenenprobleme hineingezogen, mit Vorwürfen belastet, als emotionale Stütze benutzt und verlor nach und nach das Gefühl, Kind sein zu dürfen.

Als sie später von der Anklage wegen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen erfuhr, brach auch der letzte Halt zu ihrem Vater weg. Der Kontaktabbruch wurde für sie ein notwendiger Schritt zum Selbstschutz.

Finjas psychische Erkrankungen, ihre Selbstverletzung, die Anorexie und die Borderline-Diagnose stehen in dieser Folge nicht isoliert im Raum. Sie sind Teil einer Geschichte von Kontrollverlust, Überforderung, fehlendem Schutz und dem langen Versuch, wieder Sicherheit in sich selbst zu finden.

Heute kämpft Finja weiter. Nicht mit der Erwartung, plötzlich „fertig geheilt“ zu sein, sondern mit dem Ziel, gesünder mit sich umzugehen, Traumatherapie fortzuführen, eine Ausbildung zu beginnen und sich ein stabileres Leben aufzubauen.

Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist ein eindringliches Gespräch über Trennung, Elternschaft, Verantwortung, psychische Erkrankungen und darüber, wie wichtig es ist, Kindern nicht die Last der Erwachsenen aufzubürden.