Elijah: Anderssein ist eine Superkraft – Autismus, Legasthenie, Sehbehinderung und der Weg zur Kunst

Elijah beschreibt sein Anderssein als Superkraft. Er ist Legastheniker, sehbehindert, im Autismus-Spektrum verortet und arbeitet heute als Musiker, bildender Künstler und Autor. In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne erzählt Elijah, wie schmerzhaft Ausgrenzung, Mobbing und Gewalt in der Schulzeit für ihn waren und wie er aus genau diesen Erfahrungen eine künstlerische Kraft entwickelt hat.

Hinweis: In diesem Artikel geht es um Neurodivergenz, Legasthenie, Autismus-Spektrum, Sehbehinderung, Mobbing, seelische Verletzungen, körperliche Gewalt durch eine Lehrkraft, Schulangst, psychische Belastungen und Diskriminierung. Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Themen sicher fühlst.

Auf einen Blick

  • Worum geht es in der Folge? Elijah erzählt, wie er als neurodivergentes Kind ausgegrenzt wurde und trotzdem seinen Weg in Sport, Musik, Kunst und Literatur fand.
  • Was ist der zentrale Konflikt? Während seine Familie ihn förderte, erlebte Elijah in Institutionen wie Kindergarten und Schule früh Abwertung, Mobbing und fehlendes Verständnis.
  • Warum ist die Geschichte wichtig? Die Folge zeigt, wie viel Kraft entstehen kann, wenn Anderssein nicht länger als Defizit, sondern als Teil der eigenen Identität verstanden wird.

Wer ist Elijah?

Elijah stellt sich in der Folge als Künstler vor, dessen neues Buch und neues Projekt den Satz tragen: „Anderssein ist eine Superkraft.“

Er beschreibt sich selbst als Legastheniker, sehbehindert und im Autismus-Spektrum verortet. Früher wurde diese Form oft als Asperger-Syndrom oder hochfunktionaler Autismus bezeichnet. Elijah spricht lieber vom Autismus-Spektrum.

Heute ist er Musiker, bildender Künstler und Autor. Was früher als Problem gesehen wurde, ist für ihn heute Teil seiner künstlerischen Identität.

Eine liebevolle Kindheit vor den Institutionen

Elijah beschreibt seine frühe Kindheit zunächst als relativ unbeschwert.

Er wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter auf und war von mehreren Frauen umgeben: Uroma, Patentante, Großmutter, Tante und Mutter. Materiell war die Situation in den ersten Jahren eher einfach, aber an Liebe habe es nicht gemangelt.

In den frühen 90er-Jahren lebte Elijah nahe einer amerikanischen Siedlung. Dadurch kam er schon als Kind mit kultureller Vielfalt, Musik und Sport in Berührung. Diese amerikanische Subkultur prägte ihn früh und gab ihm viel.

Der Bruch kam für ihn nicht zu Hause, sondern mit den Institutionen: Kindergarten und Schule.

Wenn ein Kind nicht in die Norm passt

Elijah sagt, dass Institutionen oft Konformität erwarten. Besonders in den 90er-Jahren seien Themen wie Legasthenie, Autismus-Spektrum oder Neurodivergenz noch viel weniger bekannt gewesen als heute.

Wer laut war, nicht still sitzen konnte, verträumt wirkte oder anders lernte, wurde schnell beurteilt.

Elijah wurde früh als kompliziertes und schwieriges Kind eingeordnet. Er erlebte sozialen Ausschluss und Mobbing: etwas, das er aus seinem familiären Umfeld so nicht kannte.

Dieser Ausschluss tat ihm als Kind sehr weh. Denn plötzlich wurde sein Anderssein nicht als Eigenschaft gesehen, sondern als Problem.

Legasthenie und das Gefühl, dumm genannt zu werden

Elijah war auf einer Waldorfschule und konnte in den ersten Schuljahren nicht richtig lesen und schreiben.

Sein Lehrer wusste von seiner Legasthenie. Trotzdem ließ er ihn in einer Lesestunde vor der Klasse lesen. Als es nicht funktionierte, sagte der Lehrer vor 41 Kindern sinngemäß: „Seht ihr, ich habe euch doch gesagt, er ist dumm.“

Für Elijah war das eine tiefe Verletzung.

Er war zu diesem Zeitpunkt bereits in heilpädagogischer Behandlung, bekam Sprachgestaltung und Unterstützung. Es gab Menschen im therapeutischen und pädagogischen Umfeld, die seine Talente sahen, besonders im musischen Bereich.

Doch in den klassischen Unterrichtsfächern wie Deutsch, Mathe oder Englisch fühlte Elijah sich früh überfordert und falsch eingeordnet.

Kunst als Zuflucht

Elijah rettete sich früh in die Kunst.

Während Schule für ihn mit Druck, Ausgrenzung und Überforderung verbunden war, fand er in kreativen Bereichen Räume, in denen er sich ausdrücken konnte.

Auch Theater spielte in der Waldorfschule eine Rolle, und dort wurde sein Bühnentalent eher gesehen als im klassischen Unterricht.

Für Elijah wurde Kunst nicht nur Hobby, sondern ein Ort, an dem er sich selbst erleben konnte,  jenseits von Noten, Defiziten und schulischer Abwertung.

Kampfsport als Quelle von Selbstvertrauen

Schon mit viereinhalb Jahren begann Elijah mit Kampfsport.

Der Sport wurde über viele Jahre zu einem wichtigen Wegbegleiter. Er gab ihm Selbstvertrauen, Struktur und die Erfahrung, dass er leistungsfähig ist.

Später wurde Elijah im Sport sehr erfolgreich: Er spricht von einem deutschen Meistertitel, einem Vize-Weltmeistertitel und davon, im Boxen im Olympiakader beziehungsweise in der Nationalmannschaft gewesen zu sein.

Der Leistungssport sollte zunächst sogar sein beruflicher Weg werden.

Mobbing, Ausschluss und seelische Verletzung

Elijah beschreibt die Schulzeit als eine Zeit, die er bewusst mit dem Wort „überlebt“ verbindet.

Er wurde ausgegrenzt und gemobbt. Besonders schwer war, dass das Verhalten der Lehrkraft auch die Mitschülerinnen und Mitschüler prägte. Wenn ein Lehrer ein Kind abwertet, übernehmen Kinder diese Haltung oft.

Elijah musste um Anerkennung kämpfen. Diese Erfahrung blieb nicht folgenlos.

Schon mit sieben, acht oder neun Jahren war er in Psychotherapie. Er spricht davon, dass er viele der Mobbing-Erfahrungen und Schulverletzungen auch später noch bearbeiten musste.

Der körperliche Angriff durch den Lehrer

Eine besonders schwere Erfahrung schildert Elijah aus der Schulzeit.

Sein Mäppchen fiel vom Tisch. Er hob es auf. Der Lehrer kam durch den Gang zwischen den Tischen, fasste Elijah an der Gurgel, zog ihn vor der Klasse hoch und warf ihn in den Stuhl.

Dieser Vorfall führte nach Elijahs Schilderung zu einer Anzeige. Dennoch wurde der Lehrer nicht entlassen.

Für Elijah war das nicht nur ein körperlicher Angriff, sondern Teil eines größeren Machtgefüges. Er beschreibt die Erfahrung als Grenzüberschreitung und als etwas, das kein Kind erleben sollte.

Diagnosen als Erklärung – aber nicht automatisch als Schutz

Elijah bekam mit etwa zwölf Jahren durch seinen Psychotherapeuten eine Einordnung im Autismus-Spektrum.

Für ihn war das zunächst weniger ein Schock als eine Erklärung: Warum lief vieles in der Schule nicht so, wie es bei anderen lief?

Doch die Diagnose bedeutete nicht automatisch, dass Lehrkräfte Rücksicht nahmen. Auf der Waldorfschule erlebte Elijah nach eigener Schilderung wenig passende Unterstützung.

Später wechselte er auf eine Regelschule. Dort wurde seine Situation ernster genommen. Trotz vieler Fehltage, Infektanfälligkeit, Schulangst und psychischer Belastung fand er dort mehr Verständnis.

Schulangst und Heimbeschulung vor ihrer Zeit

Elijah entwickelte große Angst vor der Schule.

Er spricht von einer Schulphobie und davon, dass er häufig zu Hause lernte. Seine Eltern standen im Austausch mit Lehrkräften, sprachen viel mit der Schule und suchten nach Wegen, wie Elijah die Schulzeit überhaupt bewältigen konnte.

Er nennt es rückblickend eine Art frühe Form von Heimbeschulung.

Am Ende brach Elijah die zehnte Klasse ab und ging mit einem Hauptschulabschluss ab. Doch das war nicht das Ende seines Bildungswegs.

Vom Hauptschulabschluss an die Hochschule

Obwohl Elijah in der Schule immer wieder vermittelt bekam, er könne nichts oder sei dumm, fand er später seinen Weg an Hochschulen.

Er studierte Musik, später Kunst und ist heute im Masterbereich Kommunikationsdesign unterwegs.

Diesen Weg ging er über Berufserfahrung, Begabtenprüfungen und künstlerische Eignung.

Für Elijah zeigt das deutlich: Schulische Bewertung sagt nicht alles über die Fähigkeiten eines Menschen aus. Er war nicht unfähig. Er passte nur nicht in das konforme System, in dem er bewertet wurde.

Der geplatzte Traum vom Profisport

Lange sah es so aus, als würde Elijah seinen Weg im Leistungssport machen.

Doch nach einer Weltmeisterschaft, bei der er Vize-Weltmeister wurde, bekam er ein chronisches Erschöpfungssyndrom und eine starke Darmentzündung. Auch eine Sehbehinderung wurde im Rahmen eines Sehtests für die Führerscheinprüfung deutlicher sichtbar: Elijah hatte nach eigener Schilderung nur etwa zehn Prozent Sehkraft.

Damit war klar, dass eine Zukunft im Profi- und Leistungssport nicht möglich sein würde.

Für Elijah war das ein großer Bruch. Aber während dieser Zeit begann er, seine Gefühle aufzuschreiben.

Aus Gedichten wurden Raps, aus Raps wurde Musik

Was zunächst als Gedichtform begann, wurde später zu Rap und Musik.

Elijah gründete mit seinem Vater und zwei Amerikanern eine Garagenband. Schon mit 17 oder 18 Jahren hatte er sein erstes Bandprojekt.

Nach einer abgebrochenen Physiotherapeuten-Ausbildung entschied er sich endgültig für die Musik.

Mit Anfang 20 begann er, in Köln Musik zu studieren. Die Musik ersetzte den Leistungssport,  nicht als bloßer Ersatz, sondern als neue Berufung.

Falco, Motown und die Bühne

Elijah war früh von Künstlerpersönlichkeiten mit besonderen Lebensläufen fasziniert. Er nennt unter anderem Falco als starke Prägung.

Auch die Musikszene im Rhein-Main-Neckar-Raum, Soul, deutschsprachige Musik und die Mannheimer Community beeinflussten ihn.

Eine besondere Erinnerung verbindet er mit einer Soul-Veranstaltung bei Mannheim. Dort sprach eine Frau stundenlang mit ihm über Musikgeschichte, hörte seine Geschichte und sagte ihm, er solle auf die Bühne gehen.

Diese Begegnung prägte ihn stark. Später wurde die Bühne zu einem Ort, an dem Elijah sich ausprobieren, zeigen und wachsen konnte.

Vom Musiker zur Kulturpersönlichkeit

Elijah beschreibt sich heute nicht nur als Musiker.

Er hat Bands aufgebaut, Booking gemacht, Veranstaltungen organisiert, Musik produziert, Tontechnik gelernt und sich mit Musikwirtschaft beschäftigt.

Später kamen bildende Kunst, Schreiben und Kommunikationsdesign hinzu. Seit 2018 ist er nach eigener Aussage Verlagsautor bei Sony Music Publishing.

Während der Corona-Zeit öffnete sich für ihn noch einmal ein neuer künstlerischer Raum. Er merkte, dass er nicht nur Musik ist, sondern eine breitere Kulturpersönlichkeit.

Das Buch „Anderssein ist eine Superkraft“

Elijah schrieb sein Buch aus mehreren Gründen.

Zum einen wollte er seine eigene Geschichte verarbeiten. Zum anderen wollte er Menschen erreichen, die ähnliche Erfahrungen machen, aber vielleicht nicht dieselbe Stimme oder Bühne haben.

Für Elijah war es besonders bedeutsam, als Legastheniker und sehbehinderter Mensch ein Buch zu schreiben, gerade nachdem er in der Schule so abgewertet worden war.

Er erzählt, dass sogar der Klettverlag angefragt habe, Auszüge aus seinem Buch in französische Schulbücher für den Deutschunterricht aufzunehmen. Für ihn war das eine besondere Ehre.

Aus Buch, Musik und Projekt entstand eine kleine Bewegung rund um die Botschaft: Anderssein ist eine Superkraft.

Wann Anderssein zur Superkraft wurde

Elijah lernte durch den Sport früh, dass man aus Niederlagen viel lernen kann.

Im Boxen und Kickboxen erlebte er harte Niederlagen, auch K.-o.-Situationen. Doch statt daran zu zerbrechen, lernte er daraus: mehr Deckung, mehr Technik, mehr Köpfchen, mehr Strategie.

Dieses Prinzip übertrug er auf sein Leben.

Legasthenie, Autismus, Sehbehinderung und die vielen Abwertungen wurden nicht einfach gut. Sie blieben schmerzhafte Erfahrungen. Aber Elijah verwandelte sie in Resilienz.

Er beschreibt sein Anderssein als Sammlung von Eigenschaften, die ihn widerstandsfähiger gemacht haben.

Was Elijah Kindern mitgeben möchte

Wenn Elijah einem Kind begegnen würde, das ähnliche Herausforderungen erlebt wie er damals, würde er zuerst zuhören.

Er würde fragen, was das Kind bewegt, was es traurig macht und was ihm Freude bereitet.

Gerade dort, wo Begeisterung entsteht, sieht Elijah eine wichtige Kraft. Wenn ein Kind etwas liebt, sollte diese Begeisterung geschützt und gefördert werden.

Für ihn geht es nicht darum, Kindern große Zitate oder komplexe Lebensweisheiten zu geben. Es geht darum, sie in ihrer Sprache ernst zu nehmen und ihnen Mut zu machen.

Was Schulen und Gesellschaft besser machen könnten

Elijah wünscht sich mehr Menschlichkeit, Dialog und Weiterbildung.

Lehrkräfte und pädagogische Fachpersonen sollten aus seiner Sicht besser verstehen, wie man mit Neurodivergenz, Legasthenie, Sehbehinderung und anderen Formen des Andersseins umgeht.

Er spricht nicht nur von Fachwissen, sondern auch von Haltung. Für ihn braucht es Ethik, Würde, Anstand und Menschlichkeit im Schulalltag.

Er nennt sogar die Idee, dass es Fächer oder Lernräume geben könnte, in denen Kinder lernen, wie Menschen miteinander umgehen.

  • Mehr Verständnis: Kinder sollten nicht vorschnell als schwierig, dumm oder störend eingeordnet werden.
  • Mehr Dialog: Schule sollte mit Kindern und Eltern sprechen, statt über Kinder zu urteilen.
  • Mehr Menschlichkeit: Würde und Anstand müssen auch im pädagogischen Alltag spürbar sein.

Wie Elijah seinem Sohn Resilienz erklärt

Elijah erzählt eine Szene mit seinem Sohn nach einer Trennung.

Sein Sohn fragte, ob die Familie jetzt kaputt sei. Elijah nahm einen Turnschuh, bog ihn und zeigte ihm: Man kann ihn verbiegen, aber nicht einfach zerreißen.

So erklärte er seinem Sohn Familie: Manchmal wird etwas verbogen, manchmal ist nicht alles gerade, aber es muss nicht kaputt sein.

Für Elijah ist das auch ein Bild für Resilienz. Kinder dürfen lernen, dass Krisen zum Leben gehören, ohne daran zerbrechen zu müssen.

Warum diese Folge so wichtig ist

Die Folge mit Elijah ist wichtig, weil sie zeigt, wie früh Ausgrenzung beginnt und wie lange sie nachwirken kann.

Ein Kind, das nicht in ein System passt, ist nicht automatisch falsch. Manchmal ist das System nicht flexibel genug, um das Kind zu verstehen.

Elijahs Geschichte zeigt auch, wie entscheidend Menschen sind, die Talente sehen: Eltern, Therapeutinnen und Therapeuten, Künstlerinnen und Künstler, Musikmenschen, Trainerinnen und Trainer.

Gleichzeitig macht die Folge deutlich, wie viel Schaden entsteht, wenn Erwachsene ihre Macht missbrauchen, Kinder beschämen oder Gewalt ausüben.

Elijah hat aus diesen Erfahrungen Kunst gemacht. Aber die Geschichte zeigt auch: Kein Kind sollte erst leiden müssen, um später stark zu werden.

Die Podcastfolge mit Elijah ansehen oder anhören

Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Elijah ist bald verfügbar. Die finalen Links kannst du später hier ergänzen:

Fazit: Elijahs Geschichte zeigt, wie aus Anderssein Stärke werden kann

Elijah wuchs in einem liebevollen Umfeld auf, doch in Kindergarten und Schule wurde sein Anderssein früh zum Problem gemacht.

Legasthenie, Autismus-Spektrum und Sehbehinderung wurden nicht ausreichend verstanden. Statt Schutz und Förderung erlebte er Mobbing, Beschämung, Schulangst und sogar körperliche Gewalt durch eine Lehrkraft.

Trotzdem fand Elijah Wege, sich selbst nicht zu verlieren: im Kampfsport, in der Musik, in der Kunst, im Schreiben und später auch im Studium.

Heute nutzt er seine Geschichte, um anderen Menschen Mut zu machen. Sein Satz „Anderssein ist eine Superkraft“ bedeutet nicht, dass alles leicht war. Er bedeutet, dass aus Schmerz, Niederlagen und Ausschluss eine Kraft entstehen kann, wenn Menschen sich selbst neu verstehen dürfen.

Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist ein eindringliches Gespräch über Neurodivergenz, Schule, Mobbing, Kunst, Resilienz und die Frage, wie viel menschlicher unsere Gesellschaft werden könnte, wenn wir Anderssein nicht bestrafen, sondern verstehen.