Jacqueline: Extremfrühchen in SSW 22+2 – künstliche Befruchtung, Notgeburt und die ersten Tage auf der Intensivstation

Jacqueline bekam ein Extremfrühchen in der Schwangerschaftswoche 22+2. In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne erzählt sie von einer künstlichen Befruchtung, schweren Komplikationen zu Beginn der Schwangerschaft, einer dramatischen Notfallsituation und den ersten Tagen auf der Frühchen-Intensivstation. Ihre Tochter kam mit 380 Gramm zur Welt – und von diesem Moment an zählte für Jacqueline und ihren Mann nur noch eines: dass ihr Baby lebt.

Hinweis: In diesem Artikel geht es um unerfüllten Kinderwunsch, künstliche Befruchtung, schwere Schwangerschaftskomplikationen, Überstimulationssyndrom, Krankenhausaufenthalte, Schmerzen, Frühgeburt, Extremfrühchen, Intensivstation, medizinische Notfallsituationen, Angst um das Leben eines Kindes und belastende Entscheidungen rund um eine sehr frühe Geburt. Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Themen sicher fühlst. Medizinische Inhalte werden aus dem Gespräch wiedergegeben und ersetzen keine ärztliche Beratung.

Auf einen Blick

  • Worum geht es in der Folge? Jacqueline erzählt, wie ihre lang ersehnte Schwangerschaft nach künstlicher Befruchtung in einer extrem frühen Geburt endete.
  • Was ist der zentrale Konflikt? Zwischen Hoffnung, medizinischen Entscheidungen und akuter Lebensgefahr musste Jacqueline immer wieder aushalten, nicht zu wissen, ob ihre Tochter überlebt.
  • Warum ist die Geschichte wichtig? Die Folge zeigt, wie einschneidend Frühgeburt, Intensivstation und die ersten Lebenstage eines Extremfrühchens für Eltern sein können.

Wer ist Jacqueline?

Jacqueline stellt sich in der Folge mit einem Satz vor, der die gesamte Geschichte trägt: Sie hat ein Extremfrühchen in der Schwangerschaftswoche 22+2 bekommen.

Ihre Tochter war ein absolutes Wunschkind. Jacqueline konnte auf natürlichem Weg nicht schwanger werden, deshalb entschieden sie und ihr Mann sich für eine künstliche Befruchtung.

Was als großer Wunsch begann, wurde schnell zu einer Schwangerschaft voller medizinischer Komplikationen, Unsicherheit und Angst. Trotzdem erinnert sich Jacqueline an den Moment der positiven Nachricht als einen Moment voller Freude: Endlich war sie schwanger.

Der Kinderwunsch und die künstliche Befruchtung

Jacquelines Tochter entstand durch künstliche Befruchtung. Es war bereits der zweite Versuch.

Beim ersten Versuch gab es zwei befruchtete Eizellen, die eingesetzt wurden. Eine Möglichkeit zum Einfrieren blieb nicht, weil nichts übrig war. Der Versuch führte nicht zur Schwangerschaft.

Beim zweiten Versuch begann der Prozess erneut: hormonelle Stimulation, Eizellentnahme, Befruchtung und schließlich das Einsetzen der befruchteten Eizellen.

Jacqueline beschreibt, dass eine künstliche Befruchtung körperlich und emotional viel mit sich bringt. In ihrem Fall kam es kurz nach dem Einsetzen der Eizellen zu einer schweren Komplikation.

Das Überstimulationssyndrom

Fünf Tage nach dem Einsetzen der Eizellen ging es Jacqueline plötzlich sehr schlecht.

Ihre Mutter wollte eigentlich zum Frühstück kommen. Stattdessen sagte Jacqueline nur: Bitte bring mich ins Krankenhaus, ich kann nicht mehr.

Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass Jacqueline ein schweres Überstimulationssyndrom entwickelt hatte. Ihr Körper lagerte massiv Flüssigkeit ein. Sie lief nach eigener Beschreibung regelrecht mit Wasser voll.

Das Wasser sammelte sich unter anderem in ihrem Bauchraum, und Jacqueline hatte auch Wasser in der Lunge. Ihre Nierenwerte wurden schlechter, später hörten die Nieren zeitweise auf zu arbeiten.

Alleingelassen im Krankenhaus

Jacqueline fühlte sich in dieser Situation in der Klinik sehr alleingelassen.

Sie beschreibt, dass sie irgendwann ihre Zehen nicht mehr bewegen konnte, weil ihr Körper so voller Wasser war. Ihre Organe fühlten sich gequetscht an, sie hatte starke Schmerzen und konnte nicht mehr liegen.

Eine Nacht schlief sie im Sitzen neben dem Bett, den Kopf auf die Bettkante gelegt.

Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, dass niemand ausreichend reagierte. Teilweise habe sie keinen Arzt gesehen, Visiten seien nicht richtig bei ihr angekommen. In ihrer Verzweiflung kontaktierte Jacqueline selbst den Arzt der Kinderwunschklinik.

Dieser sagte ihr, sie solle auf keinen Fall nach Hause gehen und versuchen, dass die Klinik ihn kontaktiert, damit er aus seiner Erfahrung eine Empfehlung geben könne.

Die Notfallpunktion

Eines Abends ging es Jacqueline plötzlich dramatisch schlechter.

Sie begann zu zittern und zu frieren. Ihre Zimmernachbarin merkte, dass etwas nicht stimmte, und rief Hilfe.

Als Jacqueline an Monitore angeschlossen wurde, zeigte sich nach ihrer Schilderung eine Sauerstoffsättigung von nur noch 70 Prozent. Sie wurde mitsamt Bett in einen anderen Raum gebracht.

Dort kam ein Arzt mit einem Notfallset. Jacqueline wurde ein Schnitt in die Seite gesetzt, ein Schlauch eingeführt und zunächst zweieinhalb Liter Wasser aus dem Gewebe abgelassen.

Mehr konnte in diesem Moment nicht auf einmal entlastet werden, weil sonst ihre Elektrolyte zu stark aus dem Gleichgewicht geraten wären.

Nach dieser Punktion konnte Jacqueline zum ersten Mal seit Tagen wieder etwas essen und schlafen.

Zehn Liter Wasser und zwei Wochen Krankenhaus

Der erste Schlauch war nicht richtig befestigt und rutschte am nächsten Tag wieder heraus. Das Loch verschloss sich, und Jacqueline lief erneut mit Wasser voll.

Zwei Tage später wurde an einer anderen Stelle noch einmal punktiert.

Insgesamt wurden vor ihrer Entlassung zehn Liter Wasser aus ihrem Bauchraum abgelassen. Jacqueline blieb zwei Wochen im Krankenhaus.

Als sie entlassen wurde, waren bereits etwa zehn Kilo weniger auf der Waage, aber die Wassereinlagerungen waren noch nicht vollständig verschwunden. Auch ihre Eierstöcke waren weiterhin vergrößert, und jede Bewegung verursachte Schmerzen.

Die Nachricht: Jacqueline ist schwanger

Nach der Notfallpunktion kam eine Frauenärztin ins Zimmer.

Sie teilte Jacqueline und ihrem Mann mit, dass eine Schwangerschaft eingetreten war.

Jacqueline sagt, dass sie beide geweint haben vor Freude. So schlimm die Situation war, plötzlich hatte all das einen Sinn: Ihr Wunschkind war da.

Die Schwangerschaft begann also nicht ruhig und unbeschwert, sondern mit einer lebensbedrohlich wirkenden körperlichen Krise. Trotzdem war die Freude über das Baby riesig.

Zwei errechnete Geburtstermine

Nach der Entlassung ging Jacqueline zunächst regulär zu ihrem Frauenarzt. Dort bekam sie ihren Mutterpass, und ein Entbindungstermin Anfang Juni wurde eingetragen.

Wegen der schweren Vorgeschichte wollte auch der Arzt der Kinderwunschklinik sie noch einmal sehen. Dort wurde ein anderer Geburtstermin genannt: Ende Mai, also einige Tage früher.

Als Jacqueline das bei ihrem Frauenarzt erwähnte, trug dieser den früheren Termin zusätzlich in den Mutterpass ein.

Damals wirkte dieser Unterschied nebensächlich. Später wurde er entscheidend.

Denn als ihre Tochter geboren wurde, machte dieser zweite Termin den Unterschied zwischen Schwangerschaftswoche 21+5 und 22+2. Jacqueline erzählt, dass die Klinik ab 22+0 medizinisch helfen konnte und Eltern in dieser Grauzone mitentscheiden durften, ob alles für das Kind getan werden soll.

Eine zunächst ruhigere Phase der Schwangerschaft

Nach dem schweren Start verlief die Schwangerschaft zunächst etwas stabiler.

Jacqueline hatte zwar eine starke Schwangerschaftsübelkeit, die bis etwa zur 16. Schwangerschaftswoche anhielt. Oft ging es ihr nur ein bis zwei Stunden am Tag halbwegs gut.

Doch dann begann sich die Situation zu entspannen. Die Wassereinlagerungen gingen zurück, die Eierstöcke wurden wieder kleiner, sie konnte sich wieder schmerzfreier bewegen und verspürte typische Schwangerschaftsgelüste.

Jacqueline dachte: Jetzt beginnt endlich die schöne Zeit der Schwangerschaft.

Doch genau in dem Moment, als es besser wurde, kippte die Situation erneut.

Der Termin bei der Feindiagnostik

In Schwangerschaftswoche 21+2 war Jacqueline bei der Feindiagnostik.

Bei dieser großen Ultraschalluntersuchung wurde alles kontrolliert: Entwicklung, Versorgung und weitere Werte des Babys. Zunächst sah alles gut aus.

Dann kam die letzte Untersuchung – und danach sagte die Frauenärztin, Jacqueline dürfe nicht mehr nach Hause gehen. Sie müsse sofort ins Krankenhaus.

Der Grund war eine extreme Gebärmutterhalsverkürzung.

Gebärmutterhalsverkürzung und Trichterbildung

Jacqueline erklärt, dass der Gebärmutterhals die Schwangerschaft halten soll. Bei ihr war er jedoch nicht mehrere Zentimeter lang, sondern unter einem Zentimeter.

Im Krankenhaus wurde außerdem eine Trichterbildung festgestellt. Die Fruchtblase war bereits in Richtung Gebärmutterhals beziehungsweise Muttermund abgesackt.

Die Klinik prüfte, ob Bakterien die Ursache sein könnten. Dann hätte ein Antibiotikum möglicherweise geholfen. In Jacquelines Fall lag die Ursache nach ihrer Schilderung jedoch genetisch beziehungsweise körperlich bedingt.

Es musste also entschieden werden, wie die Schwangerschaft stabilisiert werden kann.

Pessar oder Cerclage?

Jacqueline beschreibt zwei mögliche Maßnahmen, die damals im Raum standen.

Eine Möglichkeit wäre eine Cerclage gewesen: Dabei wird der Gebärmutterhals operativ verschlossen beziehungsweise abgestützt.

Die andere Möglichkeit war ein Pessar, also ein Gummiring, der von unten eingesetzt wird und stabilisieren soll.

Die Ärztinnen und Ärzte entschieden sich für das Pessar. Nach Jacquelines Schilderung hatten sie den Professor der Uniklinik nicht erreicht und trafen die Entscheidung selbst.

Beim Einsetzen merkte Jacqueline sofort, dass sich etwas nicht richtig anfühlte. Sie spürte, wie die Fruchtblase stark nach oben gedrückt wurde.

Entlassen und vier Stunden später zurück in der Klinik

Nach dem Einsetzen des Pessars blieb Jacqueline eine Nacht zur Beobachtung in der Klinik.

Am nächsten Tag berichtete sie bei der Visite, dass ihr Bauch immer wieder hart werde und sie ein Ziehen in der Leistengegend habe.

Ihr wurde gesagt, der Körper müsse sich an den Fremdkörper gewöhnen. Es seien Kontraktionen, die wieder aufhören würden.

Jacqueline wurde entlassen.

Zu Hause schrieb ihr zufällig eine Nachbarin, wie es ihr gehe. Jacqueline beschrieb ihr die Beschwerden. Die Nachbarin war bereits Mutter und sagte ihr, dass sich das für sie nach Wehen anhöre. Sie solle in der Klinik anrufen.

Jacqueline tat das. Die Klinik sagte ihr, sie solle sofort zurückkommen.

Vier Stunden nach der Entlassung war sie wieder im Krankenhaus.

Der Muttermund war geöffnet

Nach der Untersuchung verließ die Ärztin den Raum und kam mit ernster Nachricht zurück.

Der Muttermund war bereits geöffnet.

Die Ärztin sagte, sie wolle Jacqueline keine Angst machen, habe aber einen Helikopter angefordert, damit sie sofort in die Uniklinik geflogen werden könne.

Jacqueline stand innerlich neben sich. Ihr war schlecht, alles ging plötzlich sehr schnell, und doch hoffte sie noch: In der Uniklinik werden sie mir helfen.

Der Helikopter konnte wegen Schnee nicht landen. Deshalb wurde Jacqueline mit dem Rettungswagen, Blaulicht und Notarzt anderthalb Stunden durch Schneetreiben in die Uniklinik gefahren.

Eine Tablette, die alles noch schlimmer machte

Vor der Verlegung bekam Jacqueline eine Tablette.

Zu diesem Zeitpunkt wusste sie nicht genau, was sie einnahm. Kurz danach ging es ihr noch viel schlechter, sie musste sich übergeben und fühlte sich völlig überfordert.

Erst später kam die Ärztin mit einem Zettel und sagte, Jacqueline müsse noch etwas wegen der Tablette unterschreiben, da diese nicht zugelassen sei.

Jacqueline unterschrieb. Sie sagt, sie hätte in diesem Moment alles unterschrieben, weil sie nicht mehr Herrin ihrer Sinne war.

Später hörte sie heraus, dass es sich wohl eigentlich um ein Herzmedikament handelte, das in diesem Fall Wehen blockieren sollte. Genau konnte sie es nicht einordnen.

In der Uniklinik: neue Untersuchungen, neue Unsicherheit

In der Uniklinik angekommen, folgten weitere Untersuchungen.

Jacqueline hörte zwei Ärztinnen miteinander sprechen. Nach ihrer Erinnerung sagten sie, dass sie in ihrem Fall auf keinen Fall ein Pessar gewählt hätten, sondern eine Cerclage die richtige Behandlung gewesen wäre.

Außerdem hörte Jacqueline, dass wegen der zuvor gegebenen Tablette die Wehenhemmer möglicherweise nicht mehr wirken würden.

Bei einer Untersuchung wurde die vorgewölbte Fruchtblase angekratzt. Jacqueline verlor Fruchtwasser.

In diesem Moment dachte sie: Jetzt ist mein Baby tot.

„Lebt mein Baby?“

Als eine Ärztin danach davon sprach, es dennoch mit Wehenhemmern zu versuchen und Jacqueline wegen der angekratzten Fruchtblase vorsorglich Antibiotika geben zu wollen, fragte Jacqueline: „Lebt mein Baby?“

Die Ärztin sagte ja.

Für Jacqueline war das ein entscheidender Moment. Noch war nichts vorbei. Noch lebte ihr Baby.

Sie wurde in einen Ruheraum im Kreißsaalbereich gebracht. Dort kam die nächste schwere Entscheidung auf sie zu.

Die Entscheidung: Alles für das Kind tun?

Jacqueline wurde gefragt, ob sie möchten würde, dass alles für ihr Kind getan wird, falls es jetzt zur Welt kommt, oder ob sie ihr Baby sterben lassen möchte.

Sie entschied: Sie möchte, dass man versucht, alles für ihr Kind zu tun.

Daraufhin kam es zu einem Aufklärungsgespräch mit dem Oberarzt der Kinderintensivstation und zwei Assistenzärztinnen.

Jacqueline wurde über Risiken, Statistiken und mögliche schwere Komplikationen aufgeklärt. Zu diesem Zeitpunkt war sie jedoch körperlich und seelisch völlig erschöpft. Ihr war schlecht, sie musste Tabletten nehmen und konnte die Informationen kaum noch aufnehmen.

Dieses Gespräch war notwendig, damit sie die Lungenreifungsspritze bekommen konnte.

Die Lungenreifung und die Zeit, die fehlte

Jacqueline bekam nachts um halb zwei die erste Lungenreifungsspritze.

Für die vollständige Wirkung wären zwei Spritzen im Abstand von 24 Stunden vorgesehen gewesen. Die zweite Spritze wäre also erst in der darauffolgenden Nacht fällig gewesen.

Doch diese Zeit blieb nicht.

Jacqueline lag die Nacht wach, erschöpft und voller Angst. Am nächsten Morgen wurde sie zusätzlich über einen möglichen Kaiserschnitt aufgeklärt, weil so kleine Kinder normalerweise nicht auf natürlichem Weg geboren werden.

Doch auch dieser Plan konnte später nicht mehr umgesetzt werden.

Blut, Schock und plötzliche Geburt

Am Abend fuhr Jacquelines Mann nach Hause. Jacqueline war an ein Wehenmessgerät angeschlossen, das immer wieder leichte Wehen aufzeichnete.

Irgendwann bat sie die Hebamme, sie kurz abzustöpseln, weil sie auf die Toilette musste.

Dort war plötzlich alles voller Blut.

Jacqueline war im Schock. Wieder dachte sie, ihr Baby könne das nicht überlebt haben.

Die Hebamme brachte sie zurück ins Bett, ein Arzt wurde gerufen, es wurde Ultraschall gemacht und dann ging alles rasend schnell.

„Die kommt jetzt normal“

Jacqueline wurde in den Kreißsaal geschoben und sollte auf ein anderes Bett wechseln.

Plötzlich bekam sie heftigste Wehen. Sie beschreibt das Gefühl, als würde es sie zerreißen. Dann machte es einen Schlag, und die Fruchtblase platzte.

Jacqueline wartete innerlich noch auf den Kaiserschnitt, auf das Gefühl, erlöst zu werden.

Doch die Hebamme sagte: Nein, die kommt jetzt normal.

Zwischendurch rief Jacqueline ihren Mann an und sagte ihm nur, dass das Baby jetzt kommt.

Innerhalb von etwa 20 Minuten war ihre Tochter geboren.

Die Geburt in SSW 22+2

Jacquelines Tochter wurde sofort genommen und hinausgetragen.

Plötzlich war alles still.

Jacqueline lag da und verstand kaum, was gerade passiert war. Niemand sagte ihr, was mit ihrem Baby ist.

Weil sich die Plazenta nicht richtig gelöst hatte, wurde Jacqueline danach noch in den OP gebracht. Dort wurde eine Ausschabung gemacht.

Auch währenddessen wusste sie nicht, ob ihr Baby lebt.

Noch im OP fragte sie: „Was ist denn mit meinem Baby? Lebt mein Baby?“ Die Antwort war: Man wisse es nicht, es gebe keine Information.

Warten auf Nachricht

Nach der Ausschabung wurde Jacqueline zurück in ihren Ruheraum gebracht.

Dort war inzwischen ihr Mann angekommen. Auch er wusste noch nichts.

Die beiden saßen zusammen und warteten.

Dann ging die Tür auf. Drei Personen kamen herein: später erfuhren sie, dass es der Oberarzt, ein Intensivpfleger und eine Assistenzärztin waren.

Sie kamen mit einem Inkubator.

Darin lag Jacquelines Tochter.

Der erste Blick auf ihre Tochter

Jacquelines Tochter war intubiert, an Kabel und Schläuche angeschlossen und wurde von Geräten am Leben gehalten.

Aber Jacqueline sah sie.

Und egal, wie klein und fragil sie war: Für Jacqueline war sie vom ersten Moment an das schönste Kind der Welt.

Sie durfte kurz die Klappe des Inkubators öffnen und die Hand ihrer Tochter berühren.

Dann musste das Team weiter auf die Intensivstation, weil die Geräte wieder fest an den Strom angeschlossen werden mussten.

380 Gramm Leben

Jacquelines Tochter wog bei der Geburt 380 Gramm.

In dieser extrem frühen Schwangerschaftswoche war ihr Körper noch nicht bereit für die Welt außerhalb des Mutterleibs. Ihre Haut war dünn wie Pergament, durchsichtig, empfindlich, und sie lag in einem speziell vorbereiteten Nest auf der Intensivstation.

Jacqueline beschreibt, dass man sogar bis in die Finger die Adern sehen konnte. Die Augen ihrer Tochter waren noch geschlossen.

So ein Anblick ist kaum mit den Vorstellungen zu vergleichen, die Eltern normalerweise von der Geburt ihres Kindes haben. Und doch war für Jacqueline in diesem Moment vor allem eines wichtig: Ihr Baby lebt.

Kolostrum: Der Körper produziert Nahrung

Kurz nach der Geburt zeigte eine Lernhebamme Jacqueline, wie sie die Brust ausstreichen kann, um Kolostrum zu gewinnen – die erste Milch.

Jacqueline beschreibt es als Wahnsinn, wozu der Körper imstande ist.

Sie war erst ungefähr in der Mitte der Schwangerschaft, hatte gerade eine extreme Notgeburt erlebt und trotzdem begann ihr Körper, Nahrung für ihr Kind zu produzieren.

In der Nacht wollte Jacqueline unbedingt zu ihrer Tochter. Gegen ein Uhr gingen sie und ihr Mann auf die Intensivstation. Jacqueline brachte ihrer Tochter ihr erstes Essen.

Der Alltag auf der Frühchen-Intensivstation beginnt

Am nächsten Morgen begann der Alltag auf der Intensivstation.

Jacqueline und ihr Mann saßen am Inkubator, beobachteten Monitore, versuchten Werte zu verstehen, und lebten von Moment zu Moment.

Viel Körperkontakt war zunächst nicht möglich. Manchmal durften sie ganz kurz den Inkubator öffnen und eine Hand an die Füße ihrer Tochter legen. Aber nur kurz, damit Temperatur und Feuchtigkeit stabil blieben.

Jacqueline konnte ihrer Tochter anfangs nicht vorsingen und nicht vorlesen. Sie konnte nur da sein und die Monitore beobachten.

Diese Monitore wurden für sie zur Kontrolle darüber, wie es ihrem Kind gerade ging.

Die Lunge reißt: Pneumothorax am zweiten Lebenstag

Schon am nächsten Tag kam der nächste Schock.

Eine Krankenschwester brachte Jacqueline ein Telefon. Die Intensivstation war dran.

Ein Arzt sagte ihr, dass die Lunge ihrer Tochter gerissen sei. Es sei ein Pneumothorax entstanden, also Luft in den Brustkorb ausgetreten.

Das Team wollte eine Thoraxdrainage legen, damit die Luft entweichen kann. Aber weil Jacquelines Tochter so klein war, war unklar, ob das überhaupt möglich sein würde.

Die Hoffnung war, dass kein weiteres Loch entsteht und sich die verletzte Stelle wieder verschließt.

Jacqueline fuhr sofort zu ihrer Tochter. Das Team schaffte es, die Drainage zu legen. Nach 24 Stunden konnte sie wieder entfernt werden, weil sich das Loch verschlossen hatte.

Fünf Prozent Überlebenschance

Jacqueline erzählt, dass die Überlebenschance ihrer Tochter bei etwa fünf Prozent lag.

Dabei sei nicht nur das Gewicht entscheidend gewesen, sondern vor allem die extrem frühe Schwangerschaftswoche.

Den Eltern wurde außerdem gesagt, dass sie froh sein könnten, dass ihr Kind ein Mädchen sei, weil Mädchen nach den genannten Studien bessere Überlebenschancen hätten als Jungen.

Jacqueline ließ diese Zahl nicht wirklich an sich heran. Sie sagte sich immer wieder: Es wird alles gut.

Wenn sie und ihr Mann allein waren, weinten sie auch. Aber dann fingen sie sich wieder und kehrten zurück zu dem einzigen Gedanken, der tragbar war: Im Moment ist alles gut.

„Im Moment ist alles gut“

Dieser Satz wurde für Jacqueline und ihren Mann zum inneren Halt.

Sie wussten nicht, was in einer halben Stunde sein würde. Sie konnten nicht planen, nicht vorausdenken, nicht sicher sein.

Also blieb nur der Moment.

Im Moment lebt sie. Im Moment ist der Monitor stabil. Im Moment ist alles gut.

So kämpften sie sich durch die ersten Tage.

Der Oberarzt, der zum Helden wurde

Jacqueline beschreibt den Oberarzt, der ihre Tochter nach der Geburt versorgte, als einen Helden.

Er war für sie und ihren Mann eine zentrale Vertrauensperson. Sie erinnert sich, wie er immer wieder um den Inkubator ging, die Hände auf dem Rücken, Mentholbonbons kauend, ständig überlegend, welche kleinste Einstellung noch verbessert werden könnte.

Er erklärte ihnen viel, nahm sie mit in die medizinische Welt der Intensivstation und gab ihnen das Gefühl: Wenn jemand ihr Kind retten kann, dann er.

Mit der Zeit verstanden Jacqueline und ihr Mann immer mehr von den Monitorwerten, von den Abläufen und davon, worauf es ankam.

Der elfte Lebenstag

Am elften Lebenstag nahm Jacqueline ihre damals beste Freundin mit in die Klinik.

Da am Inkubator immer nur zwei Personen sein durften, ging ihr Mann an diesem Tag arbeiten.

Kurz nachdem Jacqueline und ihre Freundin bei ihrer Tochter angekommen waren, kamen der Oberarzt, zwei Assistenzärztinnen und die Krankenhauspsychologin zu ihnen.

Sie baten Jacqueline und ihre Freundin, mit ins Elternzimmer zu kommen.

Dort sagte der Oberarzt, dass die Werte ihrer Tochter extrem schlecht seien. Wenn die Eltern sie noch taufen lassen möchten, solle das in den nächsten Stunden passieren. Man gehe davon aus, dass sie die kommende Nacht nicht überleben werde.

Jacqueline sagt, in diesem Moment zerbrach alles.

Ihr erster Gedanke war: Nein, nicht mein Baby.

Hinweis zur Unterstützung durch den Bundesverband Frühgeborene e. V.

Diese Folge wird vom Bundesverband Frühgeborene e. V. unterstützt.

Im Einspieler der Folge wird beschrieben, wie plötzlich sich durch eine drohende Frühgeburt oder eine viel zu frühe Geburt alles verändern kann: Intensivstation, medizinische Entscheidungen, Angst, Hoffnung und die Frage, wie eine Familie das schaffen soll.

Der Bundesverband Frühgeborene e. V. unterstützt Frühgeborene und ihre Familien von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Er bietet Informationen, Vernetzung und Beratung für Eltern, Angehörige und Fachkräfte.

Über die kostenlose Hotline können Eltern mit Menschen sprechen, die selbst Frühchenerfahrungen haben. Aus Deutschland ist die Hotline unter 0800 875 8770 erreichbar. Weitere Informationen findest du unter www.fruehgeborene.de.

Warum diese Folge so wichtig ist

Die Folge mit Jacqueline ist wichtig, weil sie zeigt, wie schnell eine Schwangerschaft von Hoffnung in existenzielle Angst kippen kann.

Jacquelines Geschichte beginnt mit einem langen Kinderwunsch und einer künstlichen Befruchtung. Schon kurz nach dem positiven Beginn kam es zu einer schweren körperlichen Krise, bei der sie sich zeitweise im Krankenhaus alleingelassen fühlte.

Später entschied ein zusätzlicher Geburtstermin im Mutterpass mit darüber, dass ihre Tochter bei der Geburt medizinisch versorgt wurde. Ein scheinbar kleiner Eintrag wurde zu einem lebensentscheidenden Detail.

Die Geburt selbst war dramatisch, schnell und für Jacqueline kaum begreifbar. Danach begann ein Leben auf der Intensivstation, in dem nicht Tage oder Wochen zählten, sondern Minuten und Monitorwerte.

Diese Folge macht sichtbar, was Eltern von Extremfrühchen erleben: Liebe, Schock, Ohnmacht, medizinische Aufklärung, Entscheidungen, Hoffen, Warten und die Kraft, immer wieder in den nächsten Moment zurückzufinden.

Die Podcastfolge mit Jacqueline ansehen oder anhören

Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Jacqueline ist verfügbar:

Fazit: Jacquelines Geschichte zeigt, was Eltern von Extremfrühchen tragen müssen

Jacquelines Tochter war ein absolutes Wunschkind. Der Weg zu ihr führte über künstliche Befruchtung, hormonelle Belastung und ein schweres Überstimulationssyndrom.

Nach einem kurzen Moment der Hoffnung wurde die Schwangerschaft erneut lebensbedrohlich kompliziert: Gebärmutterhalsverkürzung, Trichterbildung, Wehen, Verlegung in die Uniklinik, Fruchtwasserverlust und schließlich die Geburt in SSW 22+2.

Mit 380 Gramm kam Jacquelines Tochter zur Welt. Von da an bestand das Leben der Eltern aus Inkubator, Monitoren, Schläuchen, medizinischen Gesprächen und dem Versuch, nicht an der Angst zu zerbrechen.

Immer wieder hielten sie sich an einem Satz fest: Im Moment ist alles gut.

Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist ein tief bewegendes Gespräch über Kinderwunsch, Frühgeburt, Intensivstation, Elternliebe und die kaum beschreibbare Kraft, die Eltern entwickeln, wenn ihr Kind viel zu früh um sein Leben kämpfen muss.