Azadiya ist bis heute von einem sogenannten Ehrenmord bedroht. In dieser Folge von Von Bohne zu Bohne erzählt sie von Gewalt in der Familie, sexualisiertem Missbrauch durch ihren Bruder, der Ermordung ihrer Cousine, einer drohenden Zwangsverheiratung und ihrer eigenen Flucht in ein anonymes Leben. Ihre Geschichte ist ein erschütterndes Zeugnis darüber, was passieren kann, wenn Kontrolle, Gewalt, Scham und patriarchale Ehrvorstellungen über das Leben von Mädchen und Frauen gestellt werden.
Hinweis: In diesem Artikel geht es um familiäre Gewalt, sexualisierte Gewalt in der Kindheit, Missbrauch durch ein Familienmitglied, Bedrohung durch sogenannten Ehrenmord, Zwangsverheiratung, Homofeindlichkeit, Flucht, Anonymität, Todesangst, psychische Belastung und Gewalt gegen Frauen. Bitte lies nur weiter, wenn du dich mit diesen Themen sicher fühlst.
Auf einen Blick
- Worum geht es in der Folge? Azadiya erzählt, wie sie aus einer gewaltvollen Familie floh, weil sie als lesbische jesidisch-kurdische Frau nicht frei leben konnte.
- Was ist der zentrale Konflikt? Nach der Ermordung ihrer Cousine wusste Azadiya, dass auch sie sterben könnte, wenn sie selbstbestimmt lebt oder flieht.
- Warum ist die Geschichte wichtig? Die Folge macht sichtbar, warum Betroffene spezialisierte Hilfe, Schutzräume und Menschen brauchen, die ihnen glauben.
Wer ist Azadiya?
Azadiya stellt sich in der Folge mit einem Satz vor, der sofort deutlich macht, wie ernst ihre Geschichte ist: Sie ist von Ehrenmord bedroht.
Sie ist Jesidin, Kurdin und lebt heute anonym. Ihren Geburtsnamen trägt sie nicht mehr. Aus Sicherheitsgründen musste sie eine neue Identität annehmen und ein neues Leben beginnen.
Azadiya spricht nicht, weil ihre Geschichte leicht zu erzählen wäre. Sie spricht, weil sie möchte, dass Gewalt, Missbrauch, Zwangsverheiratung und Bedrohung innerhalb geschlossener familiärer Strukturen nicht länger verschwiegen werden.
Eine Kindheit, in der Gewalt Alltag war
Azadiya wuchs in einer Familie auf, in der Gewalt alltäglich war.
Wenn sie oder ihre Geschwister nicht gehorchten, gab es Schläge. Ihr Vater schlug nach ihrer Schilderung nicht nur sie, sondern auch ihre Mutter und ihre Geschwister.
Besonders die Mädchen waren von der Gewalt betroffen. Azadiya beschreibt, dass Frauen und Mädchen in ihrer Familie kaum Wert hatten. Jungen hatten mehr Freiheiten, Mädchen sollten gehorchen, still sein und sich fügen.
Liebe kannte Azadiya aus ihrer Familie kaum. Sie beschreibt das Verhältnis zu Hause als geprägt von Hass, Wut und Angst.
Wenn Außenstehende nicht hinsehen
Azadiya erzählt von einer Situation, in der sie die Polizei rief, weil ihr Vater ihre Schwester umbringen wollte.
Die Schwester hatte ein blaues Auge. Der Vater wurde mitgenommen, kam aber wieder frei, weil er sagte, er würde seine Kinder niemals schlagen.
Auch in der Schule habe niemand wirklich hingesehen. Als später die Ermordung ihrer Cousine Thema wurde, hätten Lehrkräfte sich nach Azadiyas Erleben herausgehalten, weil sie Angst vor Stress und Konsequenzen hatten.
Für Azadiya bedeutete das: Die Gewalt war nicht unsichtbar, aber viele Menschen wollten sie nicht sehen.
Jesidisch, kurdisch – und der Wunsch, differenziert zu sprechen
Azadiya betont in der Folge, dass es ihr nicht darum geht, eine Religion schlechtzureden.
Sie sagt ausdrücklich, dass die Gewalt, die sie erlebt hat, aus ihrer Sicht nicht mit Religion erklärt werden darf. Für sie geht es um Kultur, patriarchale Strukturen, Kontrolle, Ehrvorstellungen und Menschen, die Gewalt ausüben.
Gleichzeitig ist es ihr wichtig zu benennen, dass es solche Erfahrungen auch unter Jesidinnen gibt. Sie möchte, dass darüber gesprochen wird, weil Schweigen die Betroffenen allein lässt.
Ihre Botschaft ist nicht: Eine ganze Gemeinschaft ist schlecht. Ihre Botschaft ist: Es gibt Frauen und Mädchen, die in solchen Strukturen leiden, und sie müssen gehört werden.
Kontrolle, Ruf und „Ehre“
In Azadiyas Familie war der Ruf nach außen zentral.
Sie beschreibt eine Community, in der viel darüber geredet wurde, was andere denken, was sich gehört und was eine Frau tun darf oder nicht.
Mädchen sollten keine eigenen Wege gehen. Sie sollten nicht frei entscheiden, wen sie lieben, ob sie heiraten, wen sie heiraten oder wie sie leben möchten.
Azadiya sagt, dass Mädchen und Frauen klein gehalten wurden. Bildung, Studium oder Selbstständigkeit waren nicht das Ziel. Stattdessen galt: heiraten, Haushalt, Kinder, gehorchen.
Sexualisierte Gewalt durch den Bruder
Azadiya erzählt, dass sie zehn Jahre lang von ihrem Bruder missbraucht wurde.
Sie war etwa zehn Jahre alt, als es begann. Zunächst verstand sie nicht, was geschah. Später kamen Ekel, Angst und das Wissen dazu, dass das, was passiert, falsch ist.
Ihr Bruder sagte ihr sinngemäß, dass ihr ohnehin niemand glauben würde.
Azadiya schwieg auch, weil sie ihre jüngere Schwester schützen wollte. Sie himmelte den Bruder an. Azadiya hatte Angst, dass ihre Schwester nicht überleben würde, wenn ihr dasselbe passierte.
Diese Erfahrung zeigt, wie komplex Gewalt in Familien sein kann: Schweigen bedeutet nicht Zustimmung. Schweigen kann Überleben bedeuten.
Niemand hätte ihr geglaubt
Azadiya sagt, dass sie schon früh wusste, dass ihr niemand glauben würde.
Mit Außenstehenden durfte sie nicht sprechen. Hätte sie etwas erzählt, hätte es Schläge gegeben.
Auch das Frauenbild in ihrer Familie spielte eine Rolle. Azadiya glaubt, dass ihr Vater ihr die Schuld gegeben hätte, wenn sie um Hilfe gerufen hätte – weil sie ein Mädchen war.
Dieses Gefühl, nicht glaubwürdig zu sein, zieht sich durch ihre Geschichte. Bis heute erlebt sie, dass Familienmitglieder den Missbrauch abstreiten und sie beschuldigen, sich alles ausgedacht zu haben.
Frauen hatten keinen Wert
Azadiya beschreibt ein Frauenbild, in dem Jungfräulichkeit, Gehorsam und Kontrolle über den Körper der Frau zentral waren.
Sex vor der Ehe war für Mädchen und Frauen tabu. Für Männer galt dieser Maßstab nicht in gleicher Weise.
Ihr Vater verglich Frauen nach Azadiyas Schilderung mit Autos: Eine Frau, die schon verheiratet war, wurde abgewertet. Eine Jungfrau galt als „mehr wert“.
Für Azadiya war dieses Denken lange Normalität, weil sie nichts anderes kannte. Erst später verstand sie immer klarer, wie entmenschlichend dieses Bild von Frauen war.
Die Zwangsverheiratung der Schwester
Azadiya erzählt auch von ihrer älteren Schwester.
Diese wollte nicht mehr von ihrem Vater geschlagen werden und heiratete schließlich einen Mann, den die Familie ausgesucht hatte.
Die Entscheidung lag nicht wirklich bei ihr. Nach Azadiyas Schilderung wurde die Verlobung arrangiert, kurz darauf folgte die Hochzeit.
Später wurde die Schwester auch in dieser Ehe geschlagen. Als sie sich trennen wollte, sagte der Vater sinngemäß, sie gehöre nun ihrem Mann und dieser könne mit ihr machen, was er wolle.
Für Azadiya war das schmerzhaft – aber damals zugleich etwas, das sie als „normal“ gelernt hatte.
Lesbisch sein in einem Umfeld, in dem es das nicht geben durfte
Mit etwa 16 Jahren begann Azadiya zu verstehen, dass sie lesbisch ist.
Dieser Prozess war schwer. Sie wollte es zunächst nicht wahrhaben und sprach selbst schlecht über Homosexualität, aus Angst, jemand könne merken, dass sie selbst betroffen ist.
Als sie sich einer jesidischen Frau anvertraute, wurde sie ausgelacht. Die Frau sagte sinngemäß, so etwas gebe es bei ihnen nicht, Azadiya sei krank und solle einfach heiraten.
Azadiya öffnete sich ihren Eltern nicht. Sie wusste, dass ihre Sexualität in ihrer Familie nicht akzeptiert werden würde.
Die Cousine, die selbstbestimmt leben wollte
Eine zentrale Figur in Azadiyas Geschichte ist ihre Cousine.
Auch sie wollte selbstbestimmt leben. Auch sie wollte nicht gezwungen werden, einen Mann zu heiraten, den sie nicht wollte. Sie floh in ein Frauenhaus.
Azadiya sagt, ihre Cousine habe gewusst, dass ihre Familie sie finden könnte. Sie habe sogar gesagt, egal wo sie sich verstecke, ihre Familie werde sie finden.
Ihr Vater soll gesagt haben, selbst wenn sie sich hinter Gott verstecke, würden sie sie finden.
Die Cousine wurde später ermordet.
Der sogenannte Ehrenmord an der Cousine
Azadiya bezeichnet ihre Cousine als Opfer eines Ehrenmordes.
Nach ihrer Schilderung wurde die Cousine von ihrem Vater getötet. Dieser wurde später zu 15 Jahren Haft verurteilt und kam nach Azadiyas Erinnerung einige Jahre früher frei.
Besonders erschütternd ist, wie die Familie damit umging. Azadiya sagt, der Mord sei in ihrer Familie gefeiert worden. Niemand habe trauern dürfen. Der Name der Cousine sollte nicht mehr erwähnt werden.
Für Azadiya war dieser Mord der Punkt, an dem aus einer diffusen Angst Gewissheit wurde: Wenn sie selbst geht, kann ihr dasselbe passieren.
„Wenn ich bleibe, bin ich innerlich tot“
Nach dem Mord an ihrer Cousine versuchte Azadiya kurzzeitig, sich selbst einzureden, sie könne vielleicht doch ein Leben mit einem jesidischen Mann führen.
Sie wollte nicht sterben. Sie wollte nicht umgebracht werden.
Doch der Versuch, sich auf Männer einzulassen, fühlte sich für sie falsch und unerträglich an.
Schließlich kam sie zu einem Gedanken, der ihre Entscheidung prägte: Wenn sie geht, könnte sie sterben. Wenn sie bleibt, ist sie innerlich tot.
Für Azadiya wurde klar: Sie musste fliehen.
Als die Zwangsheirat näher rückte
Azadiyas Mutter bemerkte, dass ihre Tochter anders war und nicht so leben wollte, wie die Familie es verlangte.
Sie wollte Azadiya zwangsverheiraten und hatte bereits jemanden für sie gesucht.
Der Druck wurde immer größer. Azadiya durfte nicht zu spät von der Arbeit kommen, nicht mit männlichen Klassenkameraden sprechen und musste sich immer stärker kontrollieren lassen.
Auf der Arbeit brach sie schließlich zusammen.
Dort vertraute sie sich einer Person an.
Die Arbeitskollegin, die sagte: Du musst da raus
Eine Person aus ihrem Arbeitsumfeld wurde für Azadiya entscheidend.
Sie kannte die Familie und wusste, was mit Azadiyas Cousine passiert war. Sie sagte klar: Du musst da raus.
Azadiya selbst hatte große Angst. Sie glaubte, nicht gehen zu können, weil sie sonst umgebracht wird.
Über diese Kollegin kam sie schließlich zu Beratungsstellen. Die erste Beratungsstelle verstand die Gefahr nach Azadiyas Eindruck nicht ausreichend und schlug sogar ein Gespräch mit den Eltern vor.
Für Azadiya war klar: Das hätte nicht funktioniert. Es hätte sie gefährdet.
Warum spezialisierte Hilfe entscheidend ist
Erst eine andere Beratungsstelle, die mehr Erfahrung mit Ehrenmorddrohung und familiärer Gewalt hatte, konnte Azadiya besser unterstützen.
Auch das Jugendamt reagierte zunächst ablehnend. Azadiya sei schon erwachsen und könne in ein Frauenhaus gehen.
Erst als sie sagte, aus welcher Familie sie stammt und dass ihre Cousine ermordet wurde, änderte sich die Haltung.
Azadiya sagt dazu etwas sehr Wichtiges: Sie konnte nicht dankbar dafür sein, dass ihr erst geholfen wurde, nachdem ein Mensch sterben musste. Man hätte ihr auch so helfen müssen.
Sechs Monate Fluchtplanung
Azadiyas Flucht wurde über etwa sechs Monate vorbereitet.
Es ging um Schutz, Dokumente, Jugendhilfe, eine anonyme Einrichtung und darum, wie sie sich bis dahin unauffällig verhalten musste.
Azadiya begann, zu Hause zu allem Ja und Amen zu sagen. Sie spielte die Rolle, die ihre Mutter von ihr erwartete, um keinen Verdacht zu wecken.
Gleichzeitig verabschiedete sie sich innerlich von Menschen, die ihr wichtig waren.
Einen Monat oder zwei vor der Flucht sagte ihre Mutter zu ihr, sie habe geträumt, Azadiya wolle abhauen. Dann bedrohte sie sie massiv. Für Azadiya war auch das schmerzhaft – aber nicht überraschend. Sie kannte nichts anderes.
Der letzte Abend zu Hause
Am Abend vor der Flucht blieb Azadiya länger wach als sonst.
Ihre Mutter fragte, warum sie noch wach sei, ob sie krank sei. Azadiya dachte nur: Ab morgen sehe ich dich nie wieder.
Am nächsten Morgen machte sie wie gewohnt Frühstück für ihren Vater, weckte ihren jüngeren Bruder und verließ das Haus mit zwei Tüten.
Ihre Schwester fragte noch, ob sie nach der Arbeit wieder nach Hause komme.
Azadiya sagte: Ja, wo soll ich sonst hin?
Es war der letzte direkte Kontakt.
Der Abschied vom alten Leben
Auf der Arbeit verabschiedete sich Azadiya von der Kollegin, die ihr geholfen hatte.
Sie weinten zusammen. Die Kollegin schnitt ihr den langen Zopf ab und behielt ihn als Erinnerung.
Azadiya zerstörte ihr Handy und ihre SIM-Karte. Auch ihre Tasche wurde entsorgt, um Spuren zu vermeiden.
Dann wurde sie vom Jugendamt abgeholt und in eine anonyme Einrichtung gebracht – etwa 900 Kilometer entfernt.
Während der Fahrt weinte sie. Kurz dachte sie, sie könnte alles abbrechen. Aber sie wusste: Dort, wo sie herkam, hatte sie keine Zukunft.
Ein neuer Name, eine neue Identität
In der anonymen Einrichtung musste Azadiya ihren Namen ändern.
Sie durfte niemandem ihren echten Namen, ihre Herkunft oder ihre Geschichte erzählen. Sie musste einen Schutznamen verwenden und sich eine neue Hintergrundgeschichte geben.
Azadiya wollte ursprünglich einen kurdischen Namen wählen. Das Jugendamt riet ihr davon ab, weil dieser zu auffällig gewesen wäre. Ein komplett deutscher Name fühlte sich für sie aber ebenfalls falsch an.
Heute sagt sie, dass sie sich mit ihrem neuen Namen stärker verbunden fühlt als mit ihrem Geburtsnamen. Aber dieser Prozess dauerte Jahre.
Freiheit fühlte sich zuerst nicht frei an
Nach der Flucht war Azadiya zwar weg von ihrer Familie, aber nicht einfach frei.
Die ersten zwei Wochen ging sie kaum raus. Sie weinte und hatte Todesangst.
Einmal traute sie sich im Gebäude nicht aus dem Fahrstuhl, weil sie überzeugt war, ihr Vater stehe draußen.
Das erste, was sie irgendwann bewusst tat: Sie ging abends raus und fuhr mit dem Bus durch die Stadt. Genau das war ihr früher verboten. Für sie war es ein Moment von Freiheit.
Zehn Jahre Flucht – und die Angst bleibt
Zum Zeitpunkt des Gesprächs liegt Azadiyas Flucht fast zehn Jahre zurück.
Sie sagt, die Angst sei weniger geworden, aber nicht verschwunden. Wenn es an der Tür klingelt, öffnet sie aus Prinzip nicht, weil sie denkt, ihr Vater könnte davorstehen.
Sie lebt seit Jahren mit der Gefahr, gefunden zu werden.
Gleichzeitig sagt sie: Sie ist stolz auf sich. Zehn Jahre Flucht, zehn Jahre Überleben, zehn Jahre neues Leben – das will sie feiern.
Der Versuch, Kontakt aufzunehmen
Es gab in all den Jahren Momente, in denen Azadiya Sehnsucht nach bestimmten Menschen aus ihrer Familie hatte.
Einmal nahm sie nach sechs Jahren Kontakt zu einer Person auf, zu der sie früher ein gutes Verhältnis hatte.
Doch das Treffen fühlte sich fremd und beängstigend an. Die Person kannte nur Azadiyas altes Ich, nicht ihr heutiges Leben, nicht ihren Namen, nicht ihre neue Identität.
Außerdem kam sie mit Azadiyas Sexualität nicht klar.
Azadiya merkte: Sie selbst hatte sich weiterentwickelt. Die andere Person war stehengeblieben.
Die Suche der Familie
Nach der Flucht suchte Azadiyas Familie über Monate und Jahre nach ihr.
Nach ihrer Schilderung erzählten sie der Polizei immer wieder Geschichten: Sie sei entführt worden, zum IS gegangen oder wolle gerettet werden.
Das Jugendamt und die Polizei waren jedoch informiert.
Auch über angeblich kranke Eltern oder Versprechen, dass ihr nichts passieren werde, versuchten Familienmitglieder, sie zurückzulocken.
Azadiya blieb weg.
Warum Azadiya ein Buch schrieb
Azadiya veröffentlichte ein Buch, weil sie nicht länger schweigen wollte.
Sie wollte über Tabuthemen sprechen: Missbrauch, Homosexualität, Flucht, Ehrenmorddrohung und das Leben in Anonymität.
Ihr Ziel ist es, eine Stimme für Frauen zu sein, die sterben mussten, die noch in solchen Strukturen leben oder die selbst geflohen sind.
Sie sagt, niemand rede darüber. Genau deshalb wollte sie schreiben.
Reaktionen der Familie auf das Buch
Nach der Veröffentlichung erhielt Azadiya Nachrichten von Geschwistern, Tanten und Cousinen.
Die Reaktionen waren überwiegend negativ. Sie wurde beschuldigt, zu lügen, sich alles auszudenken, Aufmerksamkeit zu suchen oder Geld verdienen zu wollen.
Auch der Verlag wurde bedroht. Bei einer Lesung in der Schweiz gab es ebenfalls Drohungen, sodass Azadiya auf Polizeischutz für ihre Autorin bestand.
Für Azadiya war das nicht überraschend. Sie hatte sich gewünscht, vielleicht würde eine Schwester sie verstehen. Doch sie sagt heute: Sie möchte mit diesen Menschen nichts mehr zu tun haben.
Warum sie trotzdem spricht
Azadiya weiß, dass Schweigen für sie sicherer sein könnte.
Sie sagt: Entweder sie schweigt für immer oder sie spricht.
Sie hat sich für das Sprechen entschieden.
Weil Veränderung nicht entstehen kann, wenn niemand über Gewalt, Missbrauch, Zwang und Bedrohung spricht. Weil andere Frauen sich in ihrer Geschichte wiedererkennen. Und weil sie möchte, dass das, was ihrer Cousine passiert ist, nicht einfach verschwindet.
Andere Frauen bei der Flucht unterstützen
Über ihr Buch und ihren Social-Media-Kanal melden sich immer wieder Frauen bei Azadiya, die selbst Hilfe brauchen.
Azadiya hat nach eigener Aussage bereits drei Frauen bei der Flucht unterstützt. Eine weitere Frau brauchte zum Zeitpunkt des Gesprächs ebenfalls Hilfe.
Es war nie ihr Plan, das privat zu tun. Aber als sich die erste Frau meldete, konnte sie sie nicht allein lassen.
Azadiya weiß, wie es ist, niemanden zu haben. Deshalb hilft sie – trotz Risiko, trotz Angst, trotz der Möglichkeit, dass jemand aus ihrer Familie versuchen könnte, sie über solche Kontakte zu finden.
Was Azadiya an die Community sagen möchte
Azadiya richtet ihre Worte auch an Menschen innerhalb der jesidischen Community.
Sie möchte, dass über Tabuthemen gesprochen wird: Missbrauch, Gewalt, Zwangsverheiratung, Ehrenmorddrohung und Homosexualität.
Sie sagt klar: Wenn eine Jesidin sagt, dass sie missbraucht wurde oder von Ehrenmord bedroht ist, bedeutet das nicht, dass sie die Religion schlechtmachen will.
Es bedeutet, dass sie gehört werden will.
Azadiya kritisiert auch Menschen, die öffentlich für Menschenrechte, Frauenrechte oder „Frau, Leben, Freiheit“ stehen, aber zu Frauen wie ihr schweigen.
Ihr Satz ist eindeutig: Es kann keine Veränderung geben, wenn wir nicht anfangen zu reden.
Was Betroffene aus Azadiyas Geschichte mitnehmen können
Azadiyas Geschichte zeigt, wie wichtig spezialisierte Hilfe ist.
Nicht jede Beratungsstelle versteht die Dynamik von familiärer Kontrolle, Zwangsverheiratung, sogenannter Ehrgewalt oder Verschleppungsgefahr. Falsche Vorschläge – etwa ein Gespräch mit den Eltern – können Betroffene zusätzlich gefährden.
Wer betroffen ist, braucht Menschen, die die Gefahr ernst nehmen und die wissen, wie Schutz organisiert werden kann.
- Glaube Betroffenen: Wenn jemand von Gewalt, Zwang oder Bedrohung erzählt, sollte das ernst genommen werden.
- Keine Vermittlung um jeden Preis: Gespräche mit gewaltausübenden Familien können gefährlich sein.
- Spezialisierte Hilfe ist entscheidend: Betroffene brauchen Schutzstellen, die sich mit familiärer Gewalt, Zwangsverheiratung und Ehrgewalt auskennen.
- Schweigen schützt Täterstrukturen: Veränderung beginnt dort, wo Betroffene sicher sprechen können.
Hinweis zur Unterstützung durch Papatya
Diese Folge wird von Papatya unterstützt.
Papatya bietet Schutz und Beratung für Mädchen und junge Frauen, die von familiärer Gewalt, Kontrolle, Zwangsverheiratung oder Verschleppung ins Herkunftsland der Eltern betroffen oder bedroht sind.
Die Kriseneinrichtung hat eine geheime Adresse und unterstützt Betroffene auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.
Über die Online-Beratung können sich Betroffene anonym und kostenlos beraten lassen. Auch Angehörige, Freundinnen, Freunde und Fachkräfte können sich an Papatya wenden.
Kontakt ist per E-Mail unter beratung@papatya.org oder über das Kontaktformular auf der Website möglich. Weitere Informationen findest du unter www.papatya.org.
Azadiyas Wunsch für die Zukunft
Als Azadiya gefragt wird, was sie sich für ihre persönliche Zukunft wünscht, antwortet sie schlicht:
Sie möchte leben. Weiterleben. Alt werden.
Nach allem, was sie erlebt hat, ist dieser Wunsch nicht klein. Er ist radikal.
Azadiya möchte nicht nur überleben. Sie möchte ein Leben haben, das ihr gehört.
Warum diese Folge so wichtig ist
Die Folge mit Azadiya ist wichtig, weil sie ein Thema sichtbar macht, über das viele Menschen nicht sprechen wollen.
Familiäre Gewalt, sexualisierter Missbrauch, Zwangsverheiratung, Homofeindlichkeit und sogenannte Ehrgewalt passieren nicht abstrakt. Sie passieren konkreten Menschen – oft in Familien, in denen nach außen nichts gesagt werden darf.
Azadiyas Geschichte zeigt, wie gefährlich Schweigen sein kann. Ihre Cousine wollte selbstbestimmt leben und wurde ermordet. Azadiya wusste danach, dass auch sie sterben könnte, wenn sie geht.
Und trotzdem ging sie.
Diese Folge zeigt auch, wie wichtig Menschen sind, die handeln: eine Arbeitskollegin, spezialisierte Beratungsstellen, Jugendhilfe, anonyme Schutzräume und alle, die Betroffenen glauben.
Die Podcastfolge mit Azadiya ansehen oder anhören
Die vollständige Folge von Von Bohne zu Bohne mit Azadiya ist verfügbar auf:
- Azadiyas Geschichte auf YouTube ansehen
- Azadiyas Geschichte auf Spotify anhören
- Azadiyas Geschichte bei Apple Podcasts anhören
Fazit: Azadiyas Geschichte zeigt, warum Schweigen gefährlich ist
Azadiya wuchs in einer Familie auf, in der Gewalt, Kontrolle und Angst den Alltag bestimmten.
Sie wurde von ihrem Vater geschlagen, von ihrem Bruder über Jahre missbraucht, als Frau entwertet, in ihrer Sexualität bedroht und sollte zwangsverheiratet werden.
Der Mord an ihrer Cousine machte ihr endgültig klar: Wenn sie selbstbestimmt leben will, kann sie sterben. Doch wenn sie bleibt, verliert sie sich selbst.
Azadiya floh. Sie änderte ihren Namen, ihre Identität, ihren Wohnort und ihr gesamtes Leben. Bis heute lebt sie mit Angst, aber auch mit einer Stimme, die sie nutzt.
Sie spricht für sich, für ihre Cousine und für Frauen, die noch nicht sprechen können.
Diese Folge von Von Bohne zu Bohne ist ein erschütterndes, mutiges und wichtiges Gespräch über Gewalt, Überleben, Anonymität, Selbstbestimmung und darüber, dass Veränderung nur entstehen kann, wenn Menschen anfangen hinzuhören.
Wenn du von den besprochenen Themen betroffen bist oder Unterstützung benötigst, zögere nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hol dir Unterstützung bei professionellen Hilfseinrichtungen oder dir vertrauten Personen.
